Knapp vorbei ist auch daneben

Zum zweiten Mal in diesem Jahr ging es über die Bühne, das „Blaue Wunder“ am Blauen Klavier im Aschaffenburger Schöntal. Und es waren so viele Besucher wie noch nie seit der Gründung im Jahr 2006. 120, wie das Main-Echo berichtete, waren es aber nicht; da ist noch Ausbau möglich. Über 80 dürften es gewesen sein, darunter auch Stefan Reis, der Main-Echo-Kulturchef. Sehr treffend stellt er fest: „Neu ist der demokratische Gedanke von Kunst: Jeder darf, niemand ereifert sich als selbsternannter Kultur-Hüter und Kunst-Wächter“ (alle Zitate: Main-Echo, 01.08.09).

Da hat er den Punkt getroffen: Demokratie. Initiator Peter Lucky Kraft kennt keine Auswahl, begegnet allen Auftretenden mit gleichem Respekt. Das ist heute selten, auch bei Zeitungen. Denn Stefan Reis kann es nicht lassen, er doziert dann doch wieder wie der alte Oberlehrer unseligen Angedenkens: „Ein Erlebnis muss es sein, kein Vortrag. … Aufführungen als wohlfeile Erbauungsstücke? Kein Mensch will das. Kunst muss Gefühle zeigen“ weiß er und verteilt dabei auch Noten, bestimmt, was diese Kriterien angeblich erfüllt, kann offensichtlich mit politischen Anmerkungen so wenig anfangen wie mit Lyrik, will Comedy und Hanswurstiaden, versteigt sich dann noch zu einer Aussage wie „Es muss nicht alles perfekt sein – aber es muss leben, muss zur Diskussion anregen“, nur um genau diese Diskussion – im Gegensatz zu Teilen des restlichen Publikums – nicht zu mögen. Und: Er hat die Wahrheit und Erkenntnis, er ist dann plötzlich das, was er angeblich nicht mag, also „Kultur-Hüter und Kunst-Wächter“.

Peter Lucky Kraft ist gut beraten, wenn er diese Selektion nicht mitmacht und seinen sehr weit gefassten Literaturbegriff beibehält, auch dann, wenn sich das Ganze weiterentwickelt in Richtung Kleinkunst (ein abscheuliches Wort, ist es doch gerade keine kleine Kunst, mit wenigen Mitteln kreativ tätig zu sein). Eine Veranstaltung wie das „Blaue Klavier“ hat eine Eigendynamik: Mehr Beteiligte, mehr Zuschauende, Beachtung in den Medien und so weiter. Zum Schluss kommen dann vielleicht sogar größere Sponsoren. Und aus dem eigenwilligen radikal-demokratischen und sehr charmanten Kunstereignis wird etwas, das geplant, gestaltet, durchgerechnet werden muss. Möge Peter Lucky Krafts kreativer Eigensinn diese Entwicklung verhindern. Und an alle, die an einer solch antikommerziellen Veranstaltung interessiert sind: kommt, schaut zu, beteiligt euch!


4 Antworten auf „Knapp vorbei ist auch daneben“


  1. 1 madmax 03. August 2009 um 17:01 Uhr

    Neuer Termin für Blaues Wunder am Blauen Klavier:
    Donnerstag, 27. August, 19 Uhr

  2. 2 archivator 12. August 2009 um 16:23 Uhr

    Heute im Main-Echo:

    Wenige Ansichten zu viel Meinung

    Internet: Aschaffenburgs Kultur ist Gegenstand eines Blogs im weltweiten Netz – Aber Diskutanten finden sich vergleichsweise wenige

    Aschaffenburg. Doch, auch das Internet hat seine weißen Flecken: Wobei das natürlich sinnbildlich zu verstehen ist, denn im weltweiten digitalen Netz gibt es faktisch zu allem und jedem eine Grauzone – sogar zur Kultur-Landschaft Aschaffenburg. Dieser Flecken indes erhält sein bisschen Farbe nicht von den zahllosen Einträgen zu Kultur-Veranstaltungen, sondern von einem – dem einen – Weblog, das tatsächlich als Diskussionsforum zur Sache bezeichnet werden kann: subradical.blogsport.

    Anonyme Partner

    Ein halbes Jahr nun besteht dieses Forum für „Subkultur & Politik Aschaffenburg“: „Ein Blog über und aus dem subkulturellen Aschaffenburg. Hier findet ihr verschiedene Termine und gelegentliches geblogge“, hoffen die Autoren auf die Entwicklung ihrer „spontanen Idee“, die seit März Wirklichkeit ist. Viel mehr wollen sie nicht preisgeben von sich: Wer mit Subradical diskutieren will, muss sich auf einen Diskurs mit anonymen – mb, Lilly, Paul, Administrator – Partnern einlassen.

    Möglicherweise deshalb ist die Resonanz bislang vergleichsweise gering. Selten gehen Reaktionen zu den einzelnen Beiträgen über den Wert eines Veranstaltungshinweises hinaus, lediglich einmal entwickelt sich eine echte Diskussion mit Rede und Gegenrede: zur Frage über den Sinn von Coverbands nach einem angedeuteten Konzertbericht am 21. Juni. Ansonsten – das Dilemma jedes offenen Forums – überhäuft im „Kommentar“-Bereich zeilenschindender Agitprop-Müll den guten Vorsatz einer kulturlebendigen Auseinandersetzung.

    Dabei ist das subradical-Themenspektrum durchaus anregend zur Debatte und – bis auf wenige Ausnahmen wie der Nato-Gipfel Anfang April – eine engagierte Auseinandersetzung mit dem kulturellen Leben der Stadt: Die Aschaffenburger Schülerdemo Mitte Juni zum bundesweiten Bildungsstreik wird ebenso thematisiert, wie eine Razzia im Vereinsheim des Fördervereins unabhängiger creativer Künste (Fuck) Aschaffenburg und sogar die Literaturveranstaltung am Blauen Klavier im Schöntal ist „mb“ eine Streitschrift wert zur Verteidigung des „eigenwilligen radikal-demokratischen und sehr charmanten Kunstereignissen“ gegen die mögliche Entwicklung hin zu offizieller Kunst, die von Bewertungen lebt. Denn das mag der Autor überhaupt nicht: dass der Auftritt, die Darbietung beurteilt wird.

    Was als Meinung in einer auf das Recht der Meinungsfreiheit zu Recht stolzen Gesellschaft unwidersprochen seine Berechtigung hat – der Diskussionsfreude allerdings nicht unbedingt bekömmlich ist. Dabei zeigt doch gerade die Coverband-Debatte im eigenen Blog, dass Geschmack sich nicht kollektivieren lässt.

    Was sich letztlich auch am Entstehen einer virtuellen Szene wie subradical.blogsport dokumentiert: eine Blüte, die ein wenig mehr Zuwendung verdient hat und auch selbst etwas mehr eigene Offenheit wagen dürfte. Wäre doch schade, wenn die eigenwilligen Triebe von Kultur in Aschaffenburg verdorrten. Stefan Reis Internet: http://subradical.blogsport.de/

  3. 3 Carlo 13. August 2009 um 13:57 Uhr

    Bewundernswert, dass die Kulturlandschaft Aschaffenburgs durch eure Plattform um ein universelles Medium reicher wird: Dem Weblog.

    Bewundernswert, dass ein sogenannter „archivator“ mitmacht und den Artikel in der Main-Echo (wahrscheinlich) abgetippt und ihn hier als Cmmt. gepostet hat (Ist das das Ende von Copy-Paste?).

    Beneidenswert, dass dieses Blog am 12.08.2009 an der Print-Luft schnuppern durfte und einen weiteren Aschaffenburger durch geschickte PR gewonnen hat. Mich, der, oft fern von der Heimat, genau nach solchen A‘burger Untergrundthemen, wie die Razzia beim F.u.c.K. oder den Hitlergruß-Zwergen im Kunstlandig dürstet. Das ist wahrer Citizen Journalism, das ist ein wahrer Weblog (Sonst bleibt mir in der Ferne nur das magere Netz-Angebot der Main-Echo & von aschaffenburg24.de)

    Bitte macht weiter und haltet daran fest, demokratisch-kritisch zu informieren. Es ist eine Kunst, zu bloggen, zu posten. Es ist eine Ehre, nicht mehr auf Verleger oder Redaktionen angewiesen sein zu müssen, um simple, kritische, oder persönliche Gedanken zu publizieren. Blogs sind Teil des Social Media und dies ist Mitmach-Demokratie (Achtung: Tautologie!), Demokratie 2.0 oder, um es klassisch zu formulieren, direkte Demokratie.

    Auf euch wartet sicherlich noch eine riesige Aschaffenburger Leserschaft! Wie sieht es eigentlich mit einem eigenen Twitter-Account für dieses Blog aus?

    Nun, in diesem Falle solltet ihr mir folgen: http://twitter.com/Capobest

    Ich grüße euch recht sonnig aus meinem Ferienwohnsitz in der Aschaffenburger Innenstadt,

    euer glühender Anhänger Carlo (Pazifist, Blogger, Anti-Materialist, Menschenfreund und Idealist aus Aschaffenburg am Main).

  4. 4 Administrator 17. August 2009 um 6:32 Uhr

    Danke für die Blumen und ehrlich gesagt sind wir selbst ein bisschen überrumpelt.
    Twitter muss nicht unbedingt sein, wir updaten den blog ja eh nur selten. Obwohl wir bei so viel öffentlicher Aufmerksamkeit jetzt ja quasi dazu verpflichtet wurden mehr Arbeit zu investieren.
    Aber dazu muss uns erstmal jemand aus dem Sommerloch holen

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