Eine wohllöbliche Stadt!

Vorbemerkung

subradical kommt zwar aus Aschaffenburg, wird aber (hoffentlich) am ganzen Untermain gelesen. Daher kann auch mal ein Beitrag aus einer anderen Ecke unserer Region erscheinen. Wir bedanken uns daher für die nachstehende Glosse zum Miltenberger Altstadtfest, die sicherlich auch in anderen Städten und Gemeinden am Untermain in ähnlicher Form hätte geschrieben werden können.
Die nicht uninteressante Nacht der Künstler/innen (am ersten Abend des diesjährigen Altstadtfestes in Miltenberg) wird hier nicht erwähnt; aber das wäre wohl wirklich schon wieder ein anderes Thema.

Eine wohllöbliche Stadt!
Ein Rückblick auf das Altstadtfest Miltenberg 2009

O wie angenehm ist es, in einer Stadt zu leben, in der solch weitschauende Menschen den Ton angeben wie in Miltenberg. Denn das Altstadtfest – es ist ein Gnadengeschenk für alle, die in der Altstadt wohnen.
Hält man an diesen Tagen den Kopf aus einem Fenster, irgendeinem, dann wird dieser Kopf mit wahlweise Dickebackenmusik, Billig-Techno, Banalgedudel oder Uralthits beschallt, dass es seine wahre Freude hat. Des nachts braucht auch kein Strom für TV-Gerät oder CD-Player verbraucht zu werden, die Bürgerinnen und Bürger des Schwarzviertels hören dann eh nichts mehr als die elektroverstärkte Musik aus allen Himmelrichtungen, die sich im Gehörgang zu völlig neuen kakophonischen Ergüssen verbindet.
Auch die auftretenden Musikerinnen und Musiker – vor allem jene, die des Nachts auftreten dürfen – loben und preisen die Veranstalter und Verantwortlichen der Stadt. Für sie kommt das Altstadtfest einem sozio-musikalischen Feldversuch gleich. Eine erhebende Sache, so am Puls der Wissenschaft wirken zu können!
Denn in einem vorwärts bringenden Dauertest wird beständig der Zusammenhang zwischen Musikqualität, Alkoholspiegel und Lautstärke (der Zuhörerschaft) sowie Uhrzeit untersucht. Dabei entsteht folgende Korrelation: Umso später der Abend, umso besoffener und lauter die Gäste bei gleichzeitiger Abnahme der Musikqualität. Was wir immer vermuteten, beim Altstadtfest in Miltenberg wurde es wissenschaftlich bestätigt! Stadt und Förderkreis historisches Miltenberg seien gepriesen ob dieser großzügigen Hilfe für die Wissenschaft! Das Max-Planck-Institut für angewandte Altstadtphysik wird in Miltenberg sein Zentrum aufschlagen, so begeistert ist man dort über den selbstlosen jährlichen Dauerversuch, den Stadt und Förderkreis den Bürgerinnen und Bürgern auferlegen, die dazu niemals befragt wurden. Warum auch? Es geht um höhere Ziele!

Selbstverständlich bedauern es die Verantwortlichen aus Stadt und Förderkreis auf das Ernsthafteste, dass sie allesamt nicht selbst in der Altstadt und speziell im Schwarzviertel wohnen und daher nicht an diesem Feldversuch teilnehmen dürfen. Wie gerne würden sie sich tagelang von schlechter Musik beschallen lassen. Wie gerne würde sie das ansteigende Gegröle von Sturzbetrunkenen vernehmen. Wie gerne würden sie sich von diesen anpöbeln lassen. Wie gerne würden sie sich opfern für die Wissenschaft! So aber müssen sie diese Ehre anderen überlassen. Schade!
Es gibt aber eine Möglichkeit: Das Altstadtfest wird nur noch alle zehn Jahre veranstaltet. Dazwischen gibt es ein Graubergfest, ein Arnouviller-Ring-Fest, ein Bischoffstraßen-Fest und so weiter. Dann hätten alle Stadträte und Rätinnen, alle Rathausmitarbeiter/innen und alle Förderkreismitglieder auch mal was davon.
Na, wäre das was? Nein? Ach, das wäre Ihnen zu laut.
Na dann …
Ihre
Inge Alt-Stadt & Norbert Schwarz-Viertel

Ein notwendiger Nachtrag

Doch, es gab einen Ort, an dem die Musik niemanden störte – Entschuldigung: an dem kein Feldversuch stattfand: die Burg. Dort hatten jüngere Menschen mit immensem Einsatz an Engagement und Zeit ein Programm auf die Beine gestellt, das aber weder im billigen Nachspielen uralter Hits, noch im mehr oder minder gelungenen Interpretieren noch älterer Blasmusik bestand, was man den jungen Leute sicher vorhalten muss. Wie kann man nur! Auch soll – unverzeihbar! – der Bierumsatz dort nicht das ausreichende Maß umfasst haben.
Aber auf der ehrwürdigen Burg blieben die Gäste aus bzw. wurden nicht die Zuschauerzahlen wie in den Vorjahren erreicht und es gab daher eine finanzielle Pleite. Ein Besucher meinte dazu: „Ist doch klar, wenn es soviel Gedudel in der Hauptstraße gibt, dann geht niemand auf die Burg, wo die Veranstalter Eintritt nehmen müssen!“
Sollte uns das zu denken geben? – Ja, aber es wird folgenlos bleiben.


3 Antworten auf „Eine wohllöbliche Stadt!“


  1. 1 Miltenberger 19. August 2009 um 22:06 Uhr

    Ich musste lachen, als ich den Artikel las.

    Bin selbst auch Miltenberger – genauer gesagt Miltenberger Altstadt-Bewohner – und kann die Kritik an der fehlenden Qualität der musikalischen Untermalung verschiedener Events sehr gut verstehen.

    Egal ob Musik im Hinter- (und häufiger auch mehr als im Vordergrund) bei Weihnachtsmarkt, Michaelismesse, Altstadtfest – oder auch einfach nur der nette Herr mit dem Leierkasten oder der experimentelle Dudelsackspieler, meist gehen die musikalischen Experimente hier in Miltenberg leider mehr als schief.

    Obwohl – das Altstadtfest ist da sogar noch eine recht positive Ausnahme. Die Musik in der Fischergasse war dieses Jahr gar nicht so laut und gar nicht so schlecht. Und die Tequila Terminators im Café Gingko haben auch eine mehr als ordentliche Show abgeliefert.

    Insgesamt aber stimme ich dem Vorschlag des Wechsels der Stadtviertel dann aber dennoch zu :) . Wo kann ich unterschreiben?

    Miltenberger

  2. 2 mb 22. August 2009 um 11:25 Uhr

    Eine Ergänzung scheint nötig: Der erwähnte Förderkreis ist mit vollem Namen der Förderkreis historiches Miltenberg (im Volxmund: hysterisches Miltenberg) und richtet das Altstadtfest offiziell aus.
    ---
    Der Beitrag stellt, wenn ich das richtig sehe, auch eine starke Kritik an dem Kommerz da, der allüberall fröhliche Urstände feiert. Und Miltenberg ist da besonders „gesegnet“: Michaelismesse (die Wiederkehr des Immergleichen), Altstadtfest (siehe oben), Nacht der Lichter (25.000 Besucher/innen in einer 9.000-Einwohner-Stadt), diverse Vereinsfeste (kommerziell gestaltet, da wichtig für die Vereinskasse), verkaufsoffene Sonntage und und und …
    Fazit:
    Kommerz: viel. Alternativen: fast Fehlanzeige; es sei aber versprochen, dass hier bei Gelegenheit auch mal über diese zarten Pflänzchen des Alternativen geschrieben wird.

  3. 3 barely legal 22. August 2009 um 22:01 Uhr

    Sehr gelungener Artikel…
    Nur schade, dass sowas immer ohne Folgen bleibt.

    Großes Kompliment, an die/den Autor_In.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.



kostenloser Counter
Poker Blog