Moscheebau zu Aschaffenburg

update:
Auch die Republikaner sind mit einer Sonderseite im Internet auf den Protestzug aufgesprungen und argumentieren ähnlich wie die JU und die NPD.
Mittlerweile (September) kündigt die NPD eine Kampagne gegen den Moscheebau unter dem Motto „Moschee geplant – Rathaus schweigt!“ an. Hier zu Dokumentationszwecken der eigens dafür gedruckte Flyer der NPD.

Martin19: wir haben jeden donnerstag ein treffen, bei dem wir den moscheebau besprechen.
wenn ihr lust habt euch unser gespräch mal anzuhören, dann wendet euch bitte an mich
[…]
ich finde dass wir kern-deutsche gegen die moschee zusammenhalten sollten und uns nicht gegenseitig zerfleischen sollen
[…]
Quelle (Es wurden Beiträge gelöscht, die allerdings über den Google-Cache noch abrufbar sind)

Wir berichten aus der Selbsthilfegruppe gegen den Untergang des Abendlandes, speziell des Aschaffenburgers.
Mitte Juli wurde der Bevölkerung schonend – Unterüberschrift im Main Echo: Kein Gebetsruf vom Turm – die Pläne des Islamischen Arbeitervereins bekannt gegeben. Der zu erwartende reflexartige Aufschrei der Öffentlichkeit fiel überraschend bescheiden aus, zumal die CSU sich auffällig bedeckt hält. In einem Leserbrief an das Main Echo wird die Gründung einer Bürgerinitiative gegen den Moscheebau angeregt, eine Informationsveranstaltung der CSU wurde wohl aus Wahlkampftaktischen Gründen auf einen unbestimmten Termin verschoben.
Lediglich der stellvertretende JU-Vorsitzender Felix Scholtysik demonstriert seinen rassistisch begrenzten Horizont, und zwar folgendermassen:

„Die Junge Union ist grundsätzlich gegen eine weitere Moschee“, sagt stellvertretender JU-Vorsitzender Felix Scholtysik. Er verlangt „eine offene, ehrliche Debatte ohne die Scheuklappen einer falschen political correctness“.
Denn angesichts der Zahl der Marokkaner in Aschaffenburg sei die Forderung des Islamischen Arbeitervereins für eine Moschee mit Minarett überzogen, so Scholtysik. Quelle: Main Echo vom

Die Logik kurz aufgedröhselt: Alle Marokkaner sind (praktizierende) Muslime, lediglich Marokkaner werden die Moschee besuchen und sonst niemand, Marokkaner bleiben Marokkaner auch wenn sie die deutsche Staatsbürgerschaft haben (wie z.B. die Familie des Vorsitzenden des Islamischen Arbeitervereins). Political correctness ist bei so einer rassistischen Argumentation natürlich sehr hinderlich.
Die anderen Stadtratsfraktionen erheben keine Einwände gegen den Moscheebau. Soviel erstmal zum Bürgerlichen Lager.
Auch die Republikaner sind mittlerweile mit einer Sonderseite im Internet auf den Protestzug aufgesprungen und argumentieren ähnlich wie die JU und die NPD.
Die NPD witterte im Juli „Islamische Landnahme“, Betrug des kleinen Mannes und legte im August nach, mit einem offenen Brief ans Rathaus. Durch den 2 Jahre lang mehr oder minder geheimgehaltenen Bauantrag hat die Stadt Aschaffenburg der NPD hier einen Bärendienst erwiesen. Mittlerweile (September) kündigt sie eine Kampagne gegen den Moscheebau unter dem Motto „Moschee geplant – Rathaus schweigt!“ an.
Das Zitat ganz oben stammt übrigens aus dem Forum „Die grüne Pest“, in dem Gegenpropaganda wie z.B. Flyer gegen den Moscheebau in Aschaffenburg besprochen werden.
Wie eine Kritk des Islamismus aussehen kann ohne in Kulturrassismus auszuarten zeigt ein Redebeitrag der Aschaffenburger DFG-VK. Gehalten wurde dieser am 1. August in Friedberg auf einer Kundgebung gegen einen NPD Aufmarsch, welcher unter dem Motto „Gegen Islamisierung und Überfremdung“ aufgrund der antifaschistischen Blockaden nicht durchgeführt werden konnte.

Redebeitrag: Kundgebung gegen den NPD-Aufmarsch, Friedberg, 1.8.2009

Die NPD demonstriert unweit von hier „Gegen Islamisierung und Überfremdung“ – da stellt sich die Frage, was das denn sein soll: „Islamisierung“. In Deutschland leben etwa 3,5 Millionen Muslime, das sind weniger als 5% der Bevölkerung. Darin kann ich keine „Islamisierung“ sehen.
Wenn es um Moscheen in Deutschland geht, ist die entscheidende Frage: auf wieviele Gläubige kommt ein Gotteshaus? – Nach Berechnungen des Politologen Carsten Frerk liegt dieser Wert in Deutschland für Muslime bei 1:1.200. Das ist ungefähr die
Größenordnung, die auch für evangelische und katholische Christen zutrifft. Zwar gibt es in der jüngsten Vergangenheit bei einigen islamischen Verbänden ein auffälliges Bedürfnis, Moscheen als Prunkbauten zu errichten, die bei mir als säkular
eingestelltem Menschen auf Bedenken stoßen – aber mit Blick auf die zahlreichen christlichen Kathedralen und Dome müssen wir feststellen, daß eine übermäßige Präsenz des Islam zumindest bislang nicht zu erkennen ist. Das größte Repräsentationsbedürfnis spiegelt sich ohnehin in den Konsumtempeln.
Also: von „Islamisierung“ kann auch in dieser Hinsicht keine Rede sein.
Welche sonstigen Anzeichen für eine „Islamisierung“ sind denn zu bemerken? Sind etwa überproportional viele Bundestagsabgeordnete Muslime? Ein Blick ins Bundestagshandbuch zeigt: nein. Oder dominieren Muslime in den Chefetagen der Wirtschaftsunternehmen? Nein, auch das ist nicht der Fall.
Oder werden im Bundestag beschlossene Gesetze an der Scharia ausgerichtet? Muß das Bundesverfassungsgericht bei seinen Entscheidungen auf die Fatwas irgendwelcher Imame Rücksicht nehmen? Nein und nochmals nein.
Um es klar zu sagen: auf das Leben der allermeisten Deutschen, auf deren gesamten Alltag, hat der Islam keinerlei direkte Auswirkung. Eine gesellschaftliche Entwicklung, die das Etikett „Islamisierung“ verdient hätte, findet einfach nicht statt.
Ein anderer Begriff, der sich immer wieder in Stellungnahmen der NPD und auch auf deren Webseite findet, macht viel besser deutlich, um was es der NPD wirklich geht: da ist von „kulturfremden Muslimen“ die Rede. In einem solchen Begriff tritt die
Fremdenfeindlichkeit der NPD unverhüllt zutage. Da läßt die NPD die Maske fallen und zeigt, daß ihre Kritik am Islam ihre Wurzeln in der Ausländerfeindlichkeit hat. Und dieser ausländerfeindichen Einstellung entsprechen auch die Vorschläge der
NPD, wie auf die angebliche „Islamisierung“ reagiert werden sollte: nämlich mit der „Rückführung der kulturfremden Ausländer in ihre Heimatländer“ (wie der sächsische NPD-Landtagsabgeordnete Jürgen Gansel vor kurzem ausführte).
Aber in solchen Vorstellungen vom „kulturfremden Muslim“, vom Einwanderer, der nicht nach Deutschland paßt, weil er aus einer anderen Kultur kommt, spiegelt sich nicht nur Fremdenfeindlichkeit, sie sind auch eine besonders üble Form der
Islamisierung. Ja, ich habe „Islamisierung“ gesagt. Die NPD tut selbst das, was sie zu kritisieren vorgibt: sie „islamisiert“. Sie erklärt kurzerhand alle Menschen, die aus arabischen Ländern, dem Iran, Pakistan oder der Türkei hierher gekommen sind, zu
Muslimen. Doch auch hier sprechen die Fakten gegen die Phrasen der NPD: ein guter Teil der von dort eingewanderten Menschen bzw. ihre Kinder versteht sich selbst nicht als Muslime. Und auch unter denen, die sich selbst noch Muslime nennen,
stufen sich 15% als nur schwach bzw. gar nicht religiös ein. Diese Menschen mit Hetz-Predigern wie Imam Hassan Dabbagh in einen Topf zu werfen – das würde ich „Islamisierung“ nennen.
Aber es ist nicht allein eine Tarnkappe für ihren Fremdenhaß, wenn die NPD in jedem Türken einen Muslim sieht. Denn hinter dieser Gleichsetzung steht die reaktionäre Vorstellung, daß Völker homogen sind und einheitliche Kulturen ausbilden. Hinter dieser Gleichsetzung steht die Idee der „Volksgemeinschaft“. Hinter dieser Gleichsetzung steht der Wahn, daß es individuelle Selbstbestimmung nicht geben darf, daß niemand aus der Reihe tanzen darf, daß alle nach derselben Pfeife tanzen müssen.
Und hier ziehen NPD und Islamisten plötzlich an einem Strang. Beide meinen, daß es Abweichungen von der Dominanzkultur nicht geben darf. Beide lehnen abweichende individuelle Lebensentwürfe ab. Beide halluzinieren eine Gemeinschaft, in die sich
alle einordnen müssen, und negieren den Gesellschaftsvertrag als Grundlage gesellschaftlichen Zusammenlebens.
Wer genau hinschaut, erkennt, daß die NPD auch in einigen konkreten gesellschaftlichen Fragen ganz ähnliche Auffassungen vertritt wie diejenigen, deren Abschiebung sie gerade lauthals fordert: ich nenne nur die sogenannte Ehre der Frau, die Haltung gegenüber Homosexuellen, die Judenfeindlichkeit…
Eine einheitliche deutsche Kultur gibt es nicht und genausowenig gibt es eine einheitliche islamische Kultur. Natürlich lassen sich (rein statistisch) Mehrheitstrends erkennen, aber in jeder Kultur gibt es unzählige vom Mainstream abweichende Subkulturen. In jeder Kultur gibt es Menschen, die gegen den Strom schwimmen – und manchmal sind es ziemlich viele…
Also: Es gibt Probleme mit einer bestimmten Auslegung des Islam; es gibt Probleme mit einer bestimmten Fraktion der Muslime. Aber: diese Problem haben nicht das Geringste damit zu tun, daß der Islam resp. diese Muslime „kulturfremd“ wären. Die Probleme kommen daher, daß diese Muslime unter Berufung auf den Islam bestimmte Freiheitsrechte oder die Emanzipation der Frau oder sexuelle Selbstbestimmung oder die Abweichung von vorgegebenen Normen ablehnen. Und
solche Gestalten mit denselben oder ganz ähnlichen Vorstellungen gibt es auch in Deutschland – da drüben demonstrieren sie gerade.
Die tatsächlich existierenden Probleme mit islamistisch eingestellten Muslimen lassen sich auch nicht durch Abschiebung lösen. In solchen Forderungen zeigt sich nur einmal mehr der Rassismus der NPD. Denn angenommen, der Hetzprediger Imam Hassan Dabbagh würde nach Syrien abgeschoben – was würde das denn besser machen, wenn der Mann sein Unwesen fortan in Damaskus treiben würde? Können Menschen in Damaskus islamistische Tiraden etwa besser aushalten als Menschen in
Leipzig? Ich denke: alle Menschen haben das Recht, von reaktionären Gestalten verschont zu bleiben, egal ob sie in Damaskus, in Leipzig oder in Friedberg leben. Eine Voraussetzung für eine friedfertige Gesellschaft ist, daß sich Menschen nicht in
falsche Identitäten pressen lassen, daß nicht die vermeintliche Zugehörigkeit zu einem „Volk“ oder einer „Religion“ für ihr Handeln bestimmend ist. Eine Voraussetzung für eine friedfertige Gesellschaft ist, daß sich Menschen unvoreingenommen als Menschen begegnen und ihre Mitmenschen nach ihrem Verhalten beurteilen. Diese Idee der prinzipiellen Gleichheit der Menschen lehnt die NPD ab. Die Phrasen von einer angeblichen „Islamisierung“ sind nur vorgeschoben. Um was es ihr tatsächlich geht, ist die „Volksgemeinschaft“, in der es keine Individualität gibt. Dagegen müssen wir uns wehren. Hier und heute! Immer und überall!
DFG-VK Aschaffenburg, 1.8.2009


5 Antworten auf „Moscheebau zu Aschaffenburg“


  1. 1 M. 03. September 2009 um 6:59 Uhr

    Guter und wichtiger Beitrag! Lob!
    Noch ein Hinweis:
    Du hast die Seite „Die grüne Pest“ verlinkt. Ich bekomme auf dem besonders gut geschützten beruflichen Rechner die Meldung: „Diese Seite wird mit Phishing-Angriffen und anderen Formen des Internet-Betrugs in Verbindung gebracht.“ Dies allen zur Warnung. Rassisten sind also auch datentechnisch ein Problem.

  2. 2 Robert 06. November 2009 um 12:16 Uhr

    Ich sehe,
    man reagiert auf den Bau einer Moschee !
    Allerdings sollte man auch die Kirche weit weg in einem Dorf lassen !

    http://forum.thai-robert.de/viewtopic.php?f=32&t=5417&p=71524#p71524

  3. 3 Patrick 03. Februar 2010 um 18:37 Uhr

    Es reicht, in der Schweiz werden die Bürger gefragt, aber bei uns wird alles uber die Köpfe entschieden. Würde eine Christliche Kirche in der Türkei genehmigt? Glaube kaum!
    Für mich ist das verrat am Volk

  4. 4 Paul 05. Februar 2010 um 15:17 Uhr

    @ Patrick:
    Du armer Kerl. Hoffentlich ist die Wahrheit nicht zuviel für dich: Es werden dauernd Entscheidungen über deinen Kopf hinweg getroffen! Ja wirklich! Ob Vorratsdatenspeicherung, Straßenbau, Mehrwertsteuererhöhung oder Gestaltung der örtlichen Grünanlage. Keiner denkt daran dich zu fragen (zum Glück, möchte man fast meinen).
    Ich wiederhole mich: Was hat die Situation der Christen in der Türkei mit dem Bau einer Moschee in Aschaffenburg durch marrokanischstämmige Migranten zu tun? Ist es so schwierig mal von seinen rassistischen (für dich können Muslime ja offenbar auch schonmal grundsätzlich nicht zum „Volk“ gehören) Beissreflexen wegzukommen ?
    Aber ich seh schon, du handelst nach dem christlichen Grundprinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Hier, extra für dich, nochmal ein Zitat aus einem anderen Artikel von diesem Blog:

    Und als sei dies nicht bereits absurd genug, führen die Minarett-Gegner als Standardargument die Toleranzfähigkeit islamischer Staaten gegenüber den Christen ins Feld. “Dürfen Christen etwa in Saudi-Arabien eine Kirche bauen? Nein, also warum sollen Muslime hierzulande eine Moschee bauen dürfen?”. Eine Argumentation, die bereits im Kern derart intelligenzbefreit ist, dass man mit denjenigen, die sie vorbringen, eigentlich eher Mitleid haben müsste. Müssen Iraner in Deutschland etwa mit einer Steinigung rechnen, nur weil Deutsche in Iran auch gesteinigt werden könnten? Dürfen Sudanesinnen in Deutschland beschnitten werden? Dürfen Amerikaner in Deutschland gefoltert werden? Droht Chinesen hier die Todesstrafe?

  1. 1 Aschaffenburg - Blog - 08 Sep 2009 Pingback am 18. September 2009 um 14:05 Uhr
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