Der Untermain hat sich verwählt

Nun liegen sie vor, die Ergebnisse der Bundestagswahl 2009 am bayerischen Untermain. Die CSU hält sich vorne. In Stadt und Landkreis Aschaffenburg erhielt sie 40,1 % (alle Ergebnisse: Zweitstimmen), im Kreis Miltenberg 43 %. Das sind deutliche Verluste gegenüber 2005.
Die FDP brachte es auf 15,7 % in Aschaffenburg (Stadt und Kreis) und 15,4 % im Landkreis Miltenberg. Das sind erhebliche Zugewinne. Wer aber wählt diese Spaßpartei? Denn von satirischer Unernsthaftigkeit müssen wir bei den Liberalen ausgehen: Da führt der neoliberale Kapitalismus in die tiefste Krise – und seine härtesten Vertreter (eben die FDP) tun so, als ob sie das nichts anginge und als ob der Kapitalismus die beste aller Möglichkeiten sei. Das ist doch Satire! Das kann doch nicht ernst genommen werden. Das ist Spaßpartei, gegen die Die Partei des Satireblatts Titanic nur ein Abklatsch ist. Aber das muss doch nicht gewählt werden! (By the way: Der erste von der ARD interviewte Vertreter der Unternehmerverbände gratulierte um 18.45 Uhr zu allererst der FDP, nicht der noch immer deutlich stärkeren unternehmerfreundlichen Partei CDU/CSU; das sagt schon alles.)
Bei der SPD liegt das anders. Erhalten hat sie 17,5 % in Stadt und Kreis AB, ebenfalls 17,5 % im Landkreis Miltenberg. Die SPD startete mit einem schlechten Ergebnis aus der letzten Wahl und verlor erneut. Wundert das? Nein. Denn die SPD braucht nun wirklich niemand mehr. Wer für den (neoliberalen oder auch gemäßigteren) Kapitalismus ist, der wählt FDP oder CSU. Wer sozialdemokratische Werte hoch halten will, der geht zur Linkspartei. Bestenfalls Nostalgiker bleiben in Erinnerung an Willy Brandt bei der SPD. Dafür hat die alte Sozialdemokratie sogar noch gut abgeschnitten. Denn mal ehrlich: Wer würde heute noch einem Sozialdemokraten einen Gebrauchtwagen abkaufen? Nach der Agende 2010 kann doch niemand mehr den SPDlern trauen. Da entwickelt sich in wenigen Jahren ein einstiger „Linker“, nenne wir ihn Gerhard Fritz Kurt Schröder, zum „Genosse der Bosse“.
Nazis erhielten geringe Ergebnisse. Gut so. Mit 1,3 % in Aschaffenburg und 1,3 % in Miltenberg bliebt die NPD fast unbedeutend (allerdings schlossen die REP mit ähnlichem Ergebnis ab; die DVU blieb jeweils unter 0,1 %). Und blicken wir zur ebenfalls heute durchgeführten Landtagswahl in Brandenburg, dann sehen wir etwas sehr Interessantes: Die DVU, die dort im Landtag saß, verlor drastisch (nur noch 1 %) und hat damit das Rennen um die Vorherrschaft im Nazispektrum endgültig verloren. Künftig haben wir es dort nur noch mit der NPD zu tun.
Die Piratenpartei als Vertretung der uneingeschränkten Internetnutzer schnitt beachtlich ab, obwohl sie nur ein Rumpfprogramm vorlegen konnte. Das reichte für 2,1 % in AB und 2,0 % in MIL. Ein gutes Ergebnis für eine Erstkandidatur.
Die Grünen – also die Öko-FDP – profitierten von der vorangegangenen großen Koalition, in der immer die kleineren Parteien zulegen. 11,4 % der Wähler/innen unterstützten sie in Aschaffenburg (wie immer: Stadt und Landkreis), 9,5 % im Kreis MIL. Mehr soll hier an Energie auf diese „einstigen Rebellen“ (LAK, Punkband vom Untermain) nicht verschwendet werden.
Und die Linke? Sie war gut für 6,7 % in AB und 6,3 % in MIL. Ordentlich. Möge die Partei mal eine Busfahrt auf Bundeskosten nach Berlin organisieren, mit Besichtigung des Bundes… – Entschuldigung – des Reichstages und danach der alternativen Projekte in Kreuzburg und dergleichen. Das wäre doch eine Danksagung an die Wählermassen aus AB und MIL!

Bereits heute früh um 8 Uhr, als die Wahllokale öffneten, habe ich die Überschrift zu diesem Beitrag festgelegt. Meine Erwartungen wurden erfüllt, die Untermain-Wähler/innen haben mich nicht enttäuscht. Sie haben sich verwählt und ihren Beitrag zum desaströsen Schwarzgelb beigetragen.

Nachbemerkung:
Vor kurzer Zeit hat sich in Aschaffenburg eine Initiative der kleinen alternativen und linken Gewerkschaft FAU gegründet. Nie war es so wichtig wie heute, auf der Selbstorganisation der Menschen mit und ohne Arbeitsplatz zu bestehen! Und die Bedingungen dazu sind so schlecht nicht. Denn mit der Regentschaft einer schwarz-gelben Regierung sind alle Illusionen beseitigt, die die SPD noch verbreiten konnte. Sic transit gloria mundi (in diesem Fall zu verstehen als: So vergeht die Herrlichkeit der Illusion). Und: Geschichte wird gemacht; es geht voran!

Anmerkung: Alle Angaben nach Internet von heute, 21.45 Uhr; ohne Gewähr.


2 Antworten auf „Der Untermain hat sich verwählt“


  1. 1 Paul 27. September 2009 um 21:36 Uhr

    Das Stockholm-Syndrom hat zugeschlagen, wenn ich mir Ergebnisse für die FDP so anschaue. Unglaublich.
    Wenn die Pfeifen von der lokalen „Die Linken“ irgendwas mit alternativer Kultur zu tun hätten würde mich das ehrlich überraschen. Und so etwas wie Basis-Arbeit findet ja auch nicht statt.
    Geht die Faustformel REP -0,2 NPD + 0,2 eigentlich auf ?
    Was steht jetzt an? Rücktritt vom Atomausstieg, alte Bildungspolitik inklusive Studiengebühren mit Rückendeckung der Regierung? Mindestlohn ist jetzt auch erstmal in weite Ferne gerückt, Erleichterungen für prekär Beschäftigte wohl sowieso. Stichwort Zeitarbeit. Fragwürdig auch ob die FDP ihr Bürgerrechtsfeigenblatt vor der CDU/CSU lange anbehält. Auf Länderebene hats jedenfalls nicht wirklich geklappt. Noch mehr robuste Friedenseinsätze in Afgahnistan und dem Rest der Welt im ewigen Kampf um den ständigen Platz im Sicherheitsrat der UNO?
    Da lassen sich einige Horrorszenarien ausmahlen…

  2. 2 Interessant 28. September 2009 um 9:01 Uhr
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