Wien: Uni brennt

Seit dem 22.10.2009 findet ein offensiver Bildungsstreik in Österreich statt. Ausgehend von einer kleinen Demonstration befinden sich seitdem viele Unis im Ausnahmezustand. Wie es der Zufall so will, steckt auch ein Aschaffenburger mittendrin, den ich einfach mal angeschrieben habe. Folgende Antwort kam zurück:

Hi Paul,
ja ich bin noch in Wien und total von den Ereignissen hier überwältigt.
Klar stehe ich dir jederzeit für Fragen zur Verfügung, also immer her damit :)
Willst du das denn per mail machen, oder sollen wir irgendwann skypen?
Gruß
Sofian

Das Interview könnt ihr nun unten nachlesen. Aktuelle Infos gibt es über Twitter, per Live-Stream und vor allem auf dieser Website. Einen Überblick über das bisher Geschehene findet ihr bei der taz(1) taz(2)

Was hat dich denn von Aschaffenburg nach Wien gezogen und hattest du vor deiner Abreise eine Ahnung was da gerade abgeht?

Hergezogen hat mich mein Interesse daran hier einmal in Zukunft zu studieren, dazu besuche ich hier verschiedene Vorlesungen, um mich auf eine Richtung festlegen zu können. Und natürlich bin ich auch hier um meine Freundin zu besuchen, die hier studiert :)
Ich glaube geahnt hat selbst noch am Donnerstag Mittag keiner etwas von dem was jetzt abgeht. Entwickelt hat sich der Protest ja von der Akademie der Bildenden Künste aus. Daraufhin gab es eine kleine Kundgebung, am Donnerstag Nachmittag neben der Uni Wien mit gerade mal 200 Teilnehmern. Zugegeben solche kleinen Kundgebungen sind hier keine Seltenheit. Doch dann begab sich diese „kleine“ Gruppe in die Uni und dachte sich „So jetzt besetzen wir mal den größten Hörsaal der Uni (Audimax)“. Nunja am Donnerstag Abend waren es bereits ca. 800 Studierende usw. der Rest ist Geschichte… eh Gegenwart!

Wie lebt es sich mitten in einer kleinen Revolution, wie ist die Stimmung?

Ich will nicht zu emotional werden aber ich bin schlichtweg überwältigt! Ich glaube ich habe diese ganzen Ereignisse der letzten Tage immer noch nicht so richtig verarbeiten können. Hier wird Basisdemokratie gelebt und funktioniert bestens. Alles funktioniert auf Verantwortlichkeit der Masse. Es gibt ständig Plena und die Stimmung scheint sich kein bisschen zu verschlechtern ganz im Gegenteil. Es finden permanent Vorträge, Gedichte, Videos oder auch Nachrichtenübertragungen auf der riesigen Leinwand statt. Am Abend gibt es meist eine Party. All das lässt einfach eine beispiellose revolutionäre Stimmung aufkommen, man ist jedes mal wie gefesselt.

Auf welche Art ist der Protest organisiert, wie kommunizieren die
Studenten miteinander? Wo und wie werden Entscheidungen getroffen?

Die Kommunikation funktioniert hauptsächlich via Internet, also zum Beispiel mit den Besetzern der Uni in Linz und Graz. Mit den Besetzern der Wiener TU oder den des 2. Größten Hörsaal im Campus findet zusätzlich ein Austausch durch Studenten statt, die immer wieder vor dem Audimax-Plenum vortragen/berichten und umgekehrt.
Basisdemokratie ist der Grundpfeiler dieser Organisation. Es wurden verschiedenste Arbeitsgruppen und Workshops (Müllbeseitigung, Forderung, Zahlen und Fakten, Fremdenrecht, Sticker etc,) gebildet, die auch immer wieder ihre Ergebnisse dem Plenum vortragen und eventuelle Entscheidungen abstimmen lassen. Die „Leitung“ wechselt permanent, was im übrigen nie zu Problemen führt. Wer sich „berufen“ fühlt kann sich hier einsetzen und mitarbeiten, dies gilt eigentlich ohnehin für alle Bereiche der Arbeit vor Ort.

Findet der Protest bisher nur an den Unis statt? Inwiefern bekommt ihr Unterstützung von anderen gesellschaftlichen Kräften und wie wird euer Kampf in der österreichischen Gesellschaft aufgenommen?

Natürlich gab es Anfangs „Gegenpropaganda“ von einschlägigen Zeitschriften, die vielleicht mit der „Bild“ bei uns vergleichbar sind. So wurde permanent von Schäden von ca. 100.000 € gesprochen. Seit jedoch auch das Fernsehen hier ein und ausgeht (Radio und Zeitung sowieso) wird dies nicht mehr behauptet, denn Fakt ist, dass es hier fast gar keine Sachbeschädigung gibt. Mittlerweile berichten nahezu alle Medien mehr oder weniger positiv. Gestern, also am 29.10., wurden mehrere Solidarisierungserklärungen verlesen. Diese reichen von einem Kindergartenverband über Schülerinnenvertreter bis zum ÖGB. Das Plenum beschloß allerdings sich bei ÖGB und SPÖ nur zu bedanken. Wohingegen sich zum Beispiel mit den Arbeitergruppen der Post und des Kindergartenverbandes solidarisch erklärt wurde. Es gibt sehr viel Solidarität, die hier nur schwer aufzuzählen ist. Zum Beispiel hat eine Bäckerei 10 Kisten Brot gespendet. Und der Koch der Vokü ist ein Mann, der einfach die Studenten auf der Straße ansprach und sagte „Ich bin zwar kein Student, aber ich koch für euch“. Mittlerweile gibt es neben der Versorgung durch Ärzte im eingerichteten Ersthilfe-Zentrum sogar eine „ehrenamtliche“ Seelsorge von Psychiatern der Medizinischen Uni.

Habt ihr die Unterstützung der gesammten Studierendenschaft oder gibt es Streitpunkte, an denen sich die Meinungen spalten?

Natürlich gibt es auch Stimmen gegen die Besetzung, zum Beispiel von der Wirtschaftsuni. Hier gibt es eben Studierende die beispielsweise Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen begrüßen. Doch man muss deutlich sagen, dass diese eine Minderheit darstellen.
Organisiert ist das übrigens nicht von der offiziellen Studentenvertretung(ÖH) sondern wie erwähnt basisdemokratisch von den Studierenden. Dadurch ist die ÖH auch nicht vertretungsberechtigt. Politik und Medien tun sich daher schwer diese Organisationsform anzuerkennen.

Inwiefern bist du denn in die Proteste involviert, was machst du dort so? Und wie wirst du dort als Nicht-Student aufgenommen?

Ich verfolge die Studentenproteste mit regem Interesse. Seit dem ersten Tag der Besetzung, nehme ich an den Plenumsabstimmungen teil. Natürlich habe ich auch an der Großdemo vom Mittwoch teilgenommen, die laut Polizei 10.000 Demonstranten und laut Veranstalter ca. 50.000 Studenten umfasste. Ob jetzt die Akademiker oder die Polizisten das besser einschätzen können ist Ansichtssache. Jedoch sind meiner Meinung nach auf jeden Fall viel mehr als 10.000 Demonstranten dort gewesen. Ob du Nicht-Student, Arbeiter, Migrant, Rentner oder sonstiges bist spielt hier absolut keine Rolle. Alle wurden auch „offiziell“ herzlich eingeladen sich zu solidarisieren und zu beteiligen. Immer wieder kommt man mit Studenten ins Gespräch und es finden auch kleine sehr interessante Unterhaltungen und Diskussionen statt.

Vielen dank für die Beantwortung der Fragen und solidarische Grüße!

Und nicht vergessen: Auch in Deutschland stehen im November wieder Bildungsproteste an.


3 Antworten auf „Wien: Uni brennt“


  1. 1 paul 06. November 2009 um 0:56 Uhr

    Während in Österreich 11 Städte besetzt sind, sind es in Deutschland bereits 7. Aus diesem Anlass für all diejenigen, die die Entwicklungen nicht so aktiv verfolgt haben, hier ein Überblickspost mit Hinweisen auf Internetquellen insbesondere für die Besetzungen in Deutschland.

    http://ratzplast.wordpress.com/2009/11/06/ubersicht-besetzungen-de/
    http://de.indymedia.org/2009/11/265224.shtml

  2. 2 bleistift 06. November 2009 um 23:29 Uhr

    zur inspiration: bei www.unibrennt.at livestream gucken!

  1. 1 “Bildungsstreik in vollem Gang” Frankfurter Rundschau — magischer circus Pingback am 12. November 2009 um 17:00 Uhr

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