Jugendtreff Miltenberg: Überwachte Freizeitgestaltung & Frustration

„Es ist erfreulich, dass die Stadt Miltenberg über die Möglichkeiten einer sinnvollen Jugendarbeit nachdenkt. Lobenswert ist dabei auch, dass ein größeres Projekt ins Auge gefasst und daran gearbeitet wird. Doch sollte möglichst bald ein Provisorium geschaffen werden, da zu befürchten steht, dass eine perfekte Lösung noch mehrere Jahre in Anspruch nimmt. Was nützt es den heute 15-Jährigen, wenn die Verwirklichung noch zwei Jahre dauert?“ Da hat sie Recht, die Leserbriefschreiberin aus Bürgstadt (Bote vom Untermain, 03.11.09). Sie nimmt Bezug auf die Aussage der Stadt Miltenberg, die bereits vor einem vollen Jahr geschlossenen Räume der Jugendinitiative (JUI) an anderer Stelle mit anderem Konzept neu zu eröffnen.
Auch mit der nachfolgenden Feststellung liegt die Leserbreifautorin richtig: „Dass Miltenberg als Kreisstadt dabei alle, also auch Jugendliche aus angrenzenden Gemeinden, willkommen heißt, ist für mich eine Selbstverständlichkeit.“ Das aber sah der Bürgermeister der Kreisstadt nicht immer so. Geplant war von ihm, dass nur Miltenberger in einen neuen Miltenberger Jugendtreff dürfen. Dies scheint nun vom Tisch zu sein.
Weiter heißt es in dem genannten Leserinnenbrief: “Da ja nun eine halbe Stelle für einen Sozialpädagogen bereits im Haushalt eingestellt ist, wäre es doch möglich, mit Containern für vorübergehende Räumlichkeiten zu sorgen und sofort mit Angeboten für Jugendliche zu beginnen. Selbstverständlich auch für jene Jugendliche, die frustriert versucht haben, durch Eier werfen auf sich und ihre Probleme aufmerksam zu machen. Natürlich ist dies kein akzeptables politisches Mittel.“ Da bin ich mir wirklich nicht so sicher. Denn wäre das Thema Jugendtreff noch in der Diskussion, wenn es nicht so hartnäckige und andauernde Proteste gegeben hätte? Ohne Druck könnten die Verantwortlichen das Ganze auf die lange, auf die sehr lange Bank schieben. Und die Tatsache, dass der Treff schon ein Jahr fehlt und noch keinerlei konkreten Taten vorgezeigt werden können, zeigt, wie lange diese Bank schon jetzt ist.
Zitieren wir noch einmal einen Absatz aus dem Leserinnenbrief: „Es ist sehr bedauerlich, dass wegen des zerstörerischen Verhaltens einzelner Jugendlicher und dem damit verbundenen unschönen Ende der JUI völlig untergeht, dass diese Einrichtung über einen längeren Zeitraum von sehr engagierten und einfallsreichen jungen Menschen erfolgreich geführt wurde. Dadurch hatte Miltenberg doch wenigstens eine Zeit lang einen Treffpunkt für Jugendliche.“ Diese „eine Zeit lang“ betrug – von Unterbrechungen abgesehen – annähernd 30 Jahre! Und das „zerstörerische Verhalten“ muss auch noch einmal betrachtet werden: Ein Einzelner verursachte an jenem Abend, der zur Schließung des Miltenberger Jugendtreffs in der Alten Volksschule führte, einen Riss in einem Toiletten-Spülkasten. Der zuständige Verantwortliche der Jugendinitiative bemerkte dies rechtzeitig und drehte das Wasser ab. Offenbar bedingt durch eine alte Rohrleitung half dies aber nicht viel und es entstand ein Wasserschaden.
Wasserschaden hin, Defekte an Einrichtungsgegenständen her – die JUI hat der Stadt durch die ehrenamtliche Arbeit im Jugendtreff in drei Jahrzehnten einen Millionenbetrag gespart. Sich über einen Riss im Spülkasten aufzuregen ist da mehr als seltsam. Es drängt sich der Verdacht auf: Die JUI sollte geschlossen werden und sie wurde geschlossen; denn Reste von Selbstverwaltungsideen passen nicht ins liberal-konservative Weltbild, das nicht erst mit dem Bündnis Merkel-Westerwelle auf Bundesebene und mit der Wiederwahl von CSU-Hardliner Norbert Geis am Untermain bestätigt wurde. Der Vorfall vor einem Jahr war in Miltenberg ein guter Grund zur Beseitigung lästiger Restbestände aus der jugendbewegten Vergangenheit, nicht mehr.
Und die Zukunft? Eine sozialpädagogische Fachkraft wird weniger die Qualität heben, als vielmehr für Ordnung und Sauberkeit sorgen dürfen. Das Engagement der Besucher/innen eines Jugendtreffs wird aber dennoch benötigt. Denn sonst würde eine Halbtagsstelle niemals ausreichen. Die jungen Leute dürfen dann die Dreckarbeiten machen, putzen, einkaufen, auch Veranstaltungen organisieren, Verstärker und Kisten schleppen, Thekendienst schieben und vieles mehr. Sie haben aber nicht mehr die bisherigen Freiheiten, höchstens „Mitbestimmung“ auf SMV-Niveau: von der Rest-Selbstverwaltung zur überwachten Freizeitgestaltung. Die meisten Jugendlichen wird das aber überhaupt nicht stören. Und die anderen bleiben frustriert.

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Weitere Infos zur JUI geibt es hier.


2 Antworten auf „Jugendtreff Miltenberg: Überwachte Freizeitgestaltung & Frustration“


  1. 1 Milli Miltenberger 05. November 2009 um 16:55 Uhr

    Als Ergänzung ein Beitrag aus dem Boten vom Untermain:

    Planspiele für neues Jugendzentrum

    Alter Treff seit einem Jahr geschlossen – Stadt sucht geeigneten Raum – Erlenbach als Vorbild

    Seit einem Jahr ist der Miltenberger Jugendtreff geschlossen – und die Stadt sucht noch immer nach einem geeigneten Raum für die Neueröffnung. »Wir wollen schnellstmöglich einen Raum einrichten, aber es ist schwierig, einen Zeitpunkt zu nennen«, sagt Bürgermeister Joachim Bieber (CSU). »Alle Räume, die wir uns angesehen haben, waren nichts.«
    Für alle möglichen Standorte nennt Bieber einen Ausschlussgrund: am ehemaligen Platz, der Alten Volksschule, würden Jugendliche die Vereine stören, die sich dort treffen; in das städtische Gebäude an der Mainstraße solle die Musikschule ziehen; das Umfeld des Fährwegs sei nicht optimal.

    Geeignetes Gebäude

    Hubertus Bundschuh, Jugendbeauftragter des Stadtrats, hat nun ein »optimales« Gebäude im Auge, mit vielen Räumen und Außengelände, ohne nahe Nachbarn, die der Lärm stören könnte. Allerdings könnten die Verkaufsverhandlungen bis zu eineinhalb Jahre dauern – was der Liberale in Kauf nehmen würde. »Wenn wir so etwas machen, dann soll es Hand und Fuß haben«, sagt er.
    Ein inhaltliches Konzept hat die Stadt noch nicht ausgearbeitet – Bieber will erst den Raum, danach den Jugendpfleger und dann das Konzept. Bundschuh hat aber ein Vorbild: das Jugendzentrum Erlenbach, mit einem Angebot aus Spielen, Sport und Computer, offen von montags bis freitags, mit kreativem Mädchentreff, Hip-Hop-Tanzgruppe, Kinderbibelkreis, Workshops und Ferienprogramm. Betreut wird es von vier Sozialpädagogen, ein gewählter Rat der Jugendlichen arbeitet mit am Programm.

    Klein anfangen und ausbauen

    Aus dem Stand könne man so etwas nicht aufbauen, räumt Bundschuh ein. »Aber wir können mit wenigen Angeboten anfangen und dann ausbauen, was in Anspruch genommen wird.« Geld für die halbe Stelle eines Jugendpflegers steht schon im Haushalt. Der Raum ist Bundschuh allerdings wichtig, ein Provisorium lehnt er ab: »Es sollte alles unter einem Dach und ausbaufähig sein«, sagt er.
    Eine schnelle Lösung sucht Bundschuh indes für die so genannten autonomen Jugendlichen, die im März mit Protesten die Wiedereröffnung des selbstverwalteten »Jui«-Treffs erreichen wollten. Zusammen mit CSU-Stadträtin Elisabeth Büchler ließ er sich am vergangenen Sonntag von ihnen erklären, dass sich die Jugendlichen nirgends treffen können, weder am Bahnhof noch vor Banken. »Für sie suche ich kurzfristig etwas, einen Bauwagen zum Beispiel«, sagt Hubertus Bundschuh.
    Bieber ist indes noch immer verärgert über die Jugendlichen, die bei einer Protestaktion das Rathaus mit Eiern bewarfen. »Für diejenigen, die mit unverschämter Penetranz lautstark einen Treff fordern, baue ich nichts, und die sind für mich auch keine Gesprächspartner«, sagt er. Bundschuh sieht das anders: »Sie sind vernünftig, wenn man mit ihnen redet.«
    Einig sind sich Bieber und Bundschuh darin, dass der neue Treff professionelle Sozialarbeiter braucht und keine Selbstverwaltung. »Dass es die Jui nicht mehr gibt, daran sind die Jugendlichen selbst Schuld«, meint Bundschuh und verweist auf Schäden und Dreck in der Alten Volksschule »Diese Räume kann man nicht mehr herrichten.«

    Nicht nur für Miltenberger

    Versöhnlicher ist Bieber in der Frage geworden, wer den Jugendtreff nutzen darf. Hatte er vor einem Jahr noch betont, der Treff sei ausschließlich für Miltenberger gedacht, sagt er jetzt: »Wir würden uns wünschen, dass auf Kreisebene etwas geschähe, doch letztendlich werden wir etwas machen. Aber wir erlauben uns den Hinweis, dass wir so andere Gemeinden mitversorgen.«

    Mathias Himberg
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    Hintergrund: Schließung der Jui

    Vor genau einem Jahr, am 25. Oktober, schloss die Stadt das selbstverwaltete Jugendzentrum Jui in der Alten Volksschule. Jugendliche hatten dort eine wilde Party gefeiert, einen Spülkasten zertreten und einen Wasserschadenverursacht. Außerdem zertrümmerten sie ein Waschbecken und rissen einen Heizkörper aus der Verankerung. Trotz Verbots tranken sie Alkoholund rauchten. Schon in den Jahren zuvor hatte Bieber den Treff zweimal wegen »unzumutbarer Zustände« schließen lassen.
    Die autonomen Jugendlichen sehen das anders. Das Jui habe eine Ausschankgenehmigungfür Alkohol gehabt, die Heizung seit schon seit Längerem herausgerissen und das Waschbecken habe seit Monaten ein Loch gehabt. Die Kommunalpolitiker halten diese Argumente aber nicht für stichhaltig und sind gegen eine Selbstverwaltung. (mh)

    Bote vom Untermain, 24.10.09

  1. 1 Selbstverwaltetes Zentrum für Miltenberg?! « Autonome Gruppe Miltenberg Pingback am 22. Dezember 2009 um 16:54 Uhr
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