Bedenkliche Stille

In der Nacht vom 23. auf den 24. Oktober hatten Unbekannte am Neubau des türkisch-deutschen Kulturvereins (TDKV) in Elsenfeld mit Schweineblut gefüllte Luftballons gegen die Fassade geworfen und 14 rote Farbflecken hinterlassen sowie rund 40 Tieraugen vor dem Eingang der zukünftigen Moschee gelegt. Das Kommissariat Staatsschutz in Aschaffenburg übernahm die Ermittlungen. Islamrat-Sprecher Engin Karahan (Köln) sah einen Zusammenhang mit den umstrittenen rassistischen Äußerungen des Berliner Ex-Senators Thilo Sarrazin, die zu dieser Zeit durch die Medien gingen.
Wahrscheinlicher ist die regionale Variante: Im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen um den Moscheebau in Aschaffenburg wurden Rassisten auf den Bau in Elsenfeld aufmerksam und handelten. Nicht vergessen werden sollte zudem, dass die Elsenfelder Moschee ebenfalls alles andere als unumstritten war. Auch hier regte sich so mancher dumpfe „Volkszorn“ und es gründete sich vor fünf Jahren eine wohl inzwischen nicht mehr existierende Bürgerinitiative gegen den Moscheebau.
Interessant: Plötzlich wird auch im Umfeld der ehemaligen „Dominatus-Rockbar“ in Elsenfeld ermittelt. „Es ist bekannt, dass sich in der Kneipe Personen aus dem rechten Spektrum getroffen haben“, meldet sich Michael Dencinger, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Unterfranken, zu Wort. Elsenfelds Bürgermeister Matthias Luxem weiß, dass die im Herbst 2008 eröffnete und vor etwa einem Vierteljahr geschlossene Kneipe ein Treff für Rechtsextreme war. Und das Main-Echo schreibt: „Auf das Treiben in der Elsenfelder Gaststätte hatte bereits im Frühjahr das Antifaschistische Bündnis in einem Internet-Beitrag aufmerksam gemacht. Dort heißt es, dass es sich nicht um eine harmlose Rockkneipe handele. Bereits auf dem Weg vom Bahnhof zum Lokal seien zahlreiche NS-Propaganda-Aufkleber aufgefallen. In der Kneipe selbst lege ein Aschaffenburger Nazi Musik auf. Zahlreiche Nazis aus der Region tummelten sich regelmäßig dort.“ Aha! Wer auch immer dieses Antifaschistische Bündnis ist (etwa das Bündnis gegen Rechts?): Plötzlich sind Antifa-Aussagen zitierfähig! Das freut.
Bei der Gelegenheit sei aber auch darauf hingewiesen, dass der Türkisch-Deutsche Kulturverein, der seit 1984 in Elsenfeld wirkt und etwa 100 Mitglieder hat, zur Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) gehört. Diese Vereinigung wird nicht nur vom Verfassungsschutz beobachtet, sondern gilt auch in Antifa-Kreisen als sehr bedenkliche Organisation, was aberselbstverständlich einen rassistischen Anschlag nicht rechtfertigt.
Bedenklich ist aber auch, wie still es in bestimmten Kreisen um diesen Anschlag ist. Bei den Republikanern (REP) in Aschaffenburg heißt es im Internet zwar „Liebe Aschaffenburger – wehrt Euch“ – und zwar gegen den Moscheebau in AB; auf Elsenfeld wird aber mit keinem Wort Bezug genommen. Miltenberg hat gar keinen REP-Kreisverband mehr, kann also auch nichts dazu sagen. Und die NPD am bayerischen Untermain trauert auf ihrer Webseite um ihren „Kamerad Jürgen Rieger“ (Hamburg), verliert aber auch kein Wort zu den Ereignissen in Elsenfeld. Zu erwarten gewesen wäre doch, dass diese Kreise – gerade im Hinblick auf die künftige Moschee in Aschaffenburg – von „Volkszorn“ faseln und damit die sofortige Einstellung aller Moscheebauten fordern würden.
Wissen die wirklich nichts und es waren Parteilose, die da tätig wurden, freie Kameraden oder autonome Nationalisten bzw. ganz einfach extremistische Spießbürger? Oder wird da einfach nichts hoch gekocht, keine (auch nur versteckte) Solidarität erklärt, eben weil man dort ganz genau weiß, wer dahinter steckt und sich nicht selbst ins Blickfeld und damit ins Interesse der ermittelnden Beamten bringen will?
Wie auch immer: Der Staatsschutz ermittelt. Mal sehen, was dabei herauskommt.


4 Antworten auf „Bedenkliche Stille“


  1. 1 paul 09. November 2009 um 17:16 Uhr

    http://www.aschaffenburg24.de/default.aspx?ID=4828&showNews=589873

    Elsenfelder Moschee-Anschlag: Mutmaßliche Täter gefasst

    Die Polizei kann nur zwei Wochen nach dem Schweineblut-Anschlag in Elsenfeld den entscheidenden Ermittlungserfolg verbuchen.

    ELSENFELD. Sie sollen vor zwei Wochen mit Schweineblut-gefüllte Luftballons gegen das Gebetshaus geworfen und Tieraugen vor das Gebäude gelegt haben. Die Männer stammen aus den Kreisen Miltenberg und Aschaffenburg. Als Grund für ihre Tat sagten sie der Polizei: das sie es nicht verstehen konnten, wie für das muslimische Gebethaus wirklich eine Baugenehmigung erteilt werden konnte.

    Zeugenhinweis führt zu den Tätern
    Auf die Spur der Täter kamen die Beamten durch einen Zeugenhinweis. Ein silberfarbener VW-Bus war beobachtet worden, wie er zur Tatzeit mit offener Tür an dem Haus vorbeigefahren war. Der Fahrzeughalter konnte ermittelt werden und der 24-Jährige gestand die Tat mit den drei anderen verübt zu haben. Das Schweineblut stammte von einem der Täter, der in einem Schlachthaus beschäftigt ist. Dort hatte er die Augen und das Blut mitgenommen. (be)

    http://www.main-netz.de/nachrichten/regionalenachrichten/franken-rhein-main/art12105,986454

    Nach Sachbeschädigung an deutsch-türkischem Vereinsheim – Täter ermittelt
    Elsenfeld
    Es handelt sich um vier junge Männer aus den Landkreisen Aschaffenburg und Miltenberg. Als Motiv führen die Beschuldigten ihr persönliches Unverständnis bezüglich der Baugenehmigung für die muslimische Gebetsstätte an. Eine generelle Fremdenfeindlichkeit weisen sie dagegen von sich.

    In der Nacht zum 24. Oktober hatten bis dato Unbekannte das Vereinshaus in der Schlesierstraße mit blutgefüllten Ballons beworfen und Schweineaugen vor dem Anwesen abgelegt. Beamte der Kriminalpolizeiinspektion Aschaffenburg übernahmen noch am selben Tag die Sachbearbeitung vor Ort, eine Ermittlungskommission wurde eingerichtet.

    Nachdem sich, wie vergangenen Donnerstag bereits berichtet, die Kriminalbeamten für einen silberfarbenen VW Bus interessierten, der zur vermeintlichen Tatzeit im Umfeld der Schlesierstraße gesichtet worden war, bekamen die Ermittler den entscheidenden Hinweis aus der Bevölkerung. In der Folge konnte der Fahrzeughalter ermittelt und vernommen werden. Der 24-Jährige aus dem Landkreis Aschaffenburg gestand, dass er drei weitere junge Männer mit seinem VW Bus zum Tatobjekt gefahren hat. Im Fahrzeug befand sich außerdem die Freundin eines der Täter.

    Die drei Ballonwerfer seien dann auf Höhe des Vereinsheims aus dem Fahrzeug gestiegen und hätten dabei jeweils einen Plastikeimer mitgeführt. In den Eimern hätten sich sowohl die mit Schweineblut gefüllten Ballons als auch die Schweineaugen befunden. Beides habe einer der Männer, ein 25-Jähriger, der in einem fleischverarbeitenden Betrieb beschäftigt ist, von seiner Arbeitsstelle mitgenommen. Nachdem sie ihre Spuren hinterlassen hatten, hätten sich die Täter wieder nach Hause fahren lassen, so die Einlassungen der bisher Vernommenen.

    Auf Grundlage des Hinweises, der nach der Presseberichterstattung vom vergangenen Donnerstag bei den Ermittlern einging, konnten zwischenzeitlich alle fünf involvierten Personen zweifelsfrei identifiziert werden. Von einer pauschalen Fremdenfeindlichkeit distanzieren sich die Beschuldigten, die nach bisherigen polizeilichen Erkenntnissen zudem nicht dem rechten Spektrum zuzurechnen sind.

    Die ermittelten Tatverdächtigen sehen nun einer Strafanzeige wegen des Verdachts der Sachbeschädigung entgegen. Die zugehörigen Ermittlungen werden in enger Zusammenarbeit mit der Aschaffenburger Staatsanwaltschaft geführt.

  2. 2 Benjamin Böhm 10. November 2009 um 16:02 Uhr

    „Von einer pauschalen Fremdenfeindlichkeit distanzieren sich die Beschuldigten, die nach bisherigen polizeilichen Erkenntnissen zudem nicht dem rechten Spektrum zuzurechnen sind.“

    Es ist erbärmlich, dass die Zeitung das einfach unkommentiert stehen lässt. Klar, ganz unrechtxextreme, unpolitische Taten! Oh mann…

  3. 3 gunther gumpmann 11. November 2009 um 8:24 Uhr

    Wie die SPD ganz überraschend einmal Recht hatte:

    Moschee-Attacke: SPD kritisiert Justiz
    München/ Elsenfeld. Hinter Der Besudelung Des Moschee-Rohbaus In Elsenfeld erkennt Die Justiz Keinen Extremistischer Hintergrund
    Als »unsäglich und in schlechtester deutscher Justiztradition stehend« hat nun der rechtspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion Franz Schindler diese Einschätzung der zuständigen Staatsanwältin kritisiert.
    Wenn Täter als Motiv angeben, sie hätten kein Verständnis für die Erteilung einer Baugenehmigung für eine muslimische Gebetsstätte und deshalb den Bau mit Schweineblut und -augen besudeln, dann handele es sich nicht um einen »Dumme-Jungen-Streich«, heißt es in der SPD-Pressemitteilung. Werde diese Tat als normale Sachbeschädigung gewertet, frage man sich, was passieren müsse, damit nach einem extremistischen Motiv ermittelt werde.
    red
    ME, 11.11.09

  4. 4 Eva D. 16. November 2009 um 19:02 Uhr

    „Von einer pauschalen Fremdenfeindlichkeit distanzieren sich die Beschuldigten, die nach bisherigen polizeilichen Erkenntnissen zudem nicht dem rechten Spektrum zuzurechnen sind“

    nein niemals nicht hat das irgendwas mit Fremdenfeindlichkeit oder so zu tun gehabt… die wollten vermutlich einfach nur etwas zu spät ein wenig für Halloween schmücken helfen oder so… meine Fresse… da fällt einem echt nicht mehr viel zu ein… vielleicht ein Slime-Zitat zur deutschen Justiz aber mehr auch nicht…

    Nazi Pigs Fuck off…

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