Helau! Alaaf!! Stimmung!!!

Es ist wieder soweit. Die angeblich närrische Zeit bricht an. Sie ist zwar gerade so bieder und gewöhnlich wie auch der Rest des Jahres, aber Koma-Saufen und blödes Anbaggern erhalten nun eine höhere Weihe, die des Karnevals, des Faschings, der vermeintlich tollen Tage.
In den Lokalzeitungen sind bereits die ersten Beiträge über gar seltsame Rituale wie das völlig folgenlose Erstürmen der Rathäuser erschienen. Geheimbünde – genannt Elferräte – werden bereits gegründet, ohne dass wegen Bildung krimineller Vereinigungen ermittelt wird. Mitten in der bürgerlichen Demokratie huldigen ansonsten als normal geltende Mitbürger/innen mit Feuereifer und einer kaum ertragbaren gründlich-deutschen Ernsthaftigkeit dem Monarchismus; es werden Prinzenpaare, Prinzengarden und mehr ausgerufen, ohne dass dem jemand vernünftigerweise Einhalt gebietet. Bewaffnet sind die Garden mit hochtoxischen Uraltwitzen, mit Konfettikanonen und schießen zwanghaft Lachsalven ab. Bei Außenstehenden – z.B. Bürger afrikanischer Staaten, die in diesem unserem Lande gerne als „Eingeborene“ oder „Naturvölker“ verunglimpft werden – müssen diese Rituale deutscher Dumpfbackigkeit ein völlig unverständliches Kopfschütteln hervorrufen.
Landkreis Aschaffenburg, Polizei und Staatsanwaltschaft starten derweil eine neue Initiative gegen das jugendliche Komasaufen. Das ist wirklich Humor! Eine kleine Kampagne als Alibi – und nebenan werden Kids bei Faschingsfesten abgefüllt.
In seiner Broschüre „Das legendäre Schnitzel – Provinzielle Protokolle“ (über Vorkommnisse in einer Kleinstadt namens „Kleinstadt“) hat der Miltenberger Satiriker, Lyriker und Maler Mapec schon 2001 dem Phänomen Fasching ein Kapitel gewidmet, das wir aus aktuellem Anlass nachdrucken, zumal die Broschüre längst vergriffen ist.

Fasching

Selbst im Jugendtreff wird Fasching gefeiert. Marion, Silke und Jens bilden den Dreirat, der sinnigerweise auf Dreirädern einfährt.
Die Kabarettgruppe vom Jugendtreff bringt örtliche Borniertheiten zur Sprache; der Manfred verleiht den Chauvi-Sack, ein kleines Jutesäckchen in den Landesfarben schwarz-rot-gold, und ein Profi-Kabarettist sorgt für eine Qualität, die nur in dieser Punk-Sitzung (mit entsprechender Musik) erreicht wird. Niemals aber bei dem, was in akuter Selbstüberschätzung als Prunk-Sitzung firmiert, allerdings wenig Prunkvolles zu bieten hat.
Emanuel Fischlein, Bürgermeister Stark, Altbürgermeister Merkwürt und acht andere Herren sitzen nicht im Jugendtreff; dafür aber im Kleinstädter Elferrat, der streng auf politische Mehrheitsverhältnisse Rücksicht nimmt und von allen relevanten Vereinen bestückt werden darf.
Die Prunksitzung ist prächtig! Und bietet großartige Stimmung, urwüchsigen Humor, eine imponierend inszenierte Show, Applaus bis hin zu dreifach gezündeten Raketen, zwei närrische Tollitäten, köstliche Büttenreden, schmissigen Powertanz, strapazierte Lachmuskel, urkomische Gestik, tadelloses Playback, schöne Schautänze, ein exakt vorgetragenes Männerballett, Dauerbüttenredner (seit über 40 Jahren), Jubel, Trubel, Heiterkeit, eine Tanztruppe mit viel Figur, Bein und Können, die obligatorischen Orden, adrette Kostüme und Tanz bis in den Morgen; da tritt ein Asülant auf, eine männertolle Frau, eine Schönheitswettbewerbsteilnehmerin mit Sexappeal und Atombusen, ein Urvieh, – so wird zumindest die örtliche Tageszeitung Volks-Bote über die Kleinstädter und Großdörfer Prunksitzungen berichten; und über die karnevalistischen Albernheiten in den vielen anderen Kleinstadts und Großdorfs im Verbreitungsgebiet des Volks-Boten.
Es ist ein wahrhaft schweres Los, in diesen Tagen im Lokaljournalismus tätig zu sein. Wie soll jemand beim ewigen Einerlei des Helau und der Zwangsschunkelei auch nur halbwegs Abwechslung ins Blatt bringen? Die Karnevalsberichterstattung in der Provinz, – das ist die ganz hohe Schule des Journalismus. Denn da darf auch kein Auftretender unerwähnt bleiben; dies würde sonst unweigerlich Abokündigungen nach sich ziehen.
Auch ist es eine beachtliche Leistung, die Fotografien zum Bericht auszuwählen. Wem darf, wem muss die Ehre der bildhaften Darstellung zugestanden werden? Nur keine Fehler. Denn auch hier ist die Abokündigung das über der Journalistenschar schwebende Damoklesschwert.
So meldet sich auch dieses Jahr wieder der achtundsiebzigjährige und in dreiundfünfzig närrischen Jahren mehr als gereifte Büttenredner Kuno Schmitz beim Chefredakteur und beschwert sich, dass er schon wieder nicht mit Foto gewürdigt wurde. Wo er doch den tollen Witz über die Wohngemeinschaft in der Konrad-Herbert-Straße gemacht hat, über den schwulen WG-Klaus, der mit dem kleinen Finger ein Glas Wasser zum Kochen bringen kann, so warm ist der … Ob der Redaktionsmitarbeiter diesen Witz nicht verstanden … ach, doch, verstanden hätte er den schon, sagt der Chefredakteur, sehr gut sogar. Kuno Schmitz versteht die Welt nicht mehr und protestiert wegen des fehlenden Fotos, wo er doch in seinen dreiundfünfzig närrischen Jahren – “nur im Weltkrieg und wegen der Iraker ist der Fasching ausgefallen, aber 1943/44 habe ich immerhin Frontbelustigung gemacht” –, wo er also in all den Jahren erst neunzehn Mal mit Bild in der Presse war.
Aber Pech für Kuno: Das Abonnement hat er schon vor siebzehn Jahren aus Protest abbestellt. Seine Beschwerde verhallt ohne ökonomischen Nachteil für den Zeitungsherausgeber.
Kuno ist Mitglied im KKK. Das KKK steht hier nicht für Ku-Klux-Klan, sondern für Kleinstädter Karnevals-Klub, also „so etwas ähnliches wie der Klan“, wie Spötter gerne erzählen.
Trotz aller kleinstädtischer Faschingsangepasstheit schafft es ab und zu ein kritischer Satz, von der Faschingsbühne ins Volk geworfen zu werden. Gelegentlich. Eher selten.
Den Rest bilden Kalauer wie der vom Mann im Krankenhaus, der statt der Nachtschwester lieber eine Nacktschwester sehen möchte. Und da wird gelacht, dass sich die Flaschenhälse biegen. Denn wer schon Eintritt zahlt, der will auch lachen! Und wenn der Elferrat von der Bühne lacht, ja, dann lachen wir halt mit.
Gelacht wird auch im Jugendtreff bei der Punk-Sitzung. Dies ist umso überraschender, wird hier doch auf den Tusch verzichtet, also auf jenes akustische Signal, das im herkömmlichen Karneval den Einsatz für Lacher oder Applaus gibt, damit das Publikum nicht durch eigenständiges Mitdenken überfordert wird.

In Kleinstadt rufen alle helau,
in Kleinstadt sind wir heute blau.
Der Fasching ist die schönste Zeit,
im Fasching sind wir alle breit!
Und will sich eine mal nicht küssen und
anderes lassen,
das geht doch nicht! – Jetzt hoch die Tassen,
denn im Fasching müssen alle lustig sein,
das war schon immer so und muss auch so sein!
In Kleinstadt rufen alle helau,
in Kleinstadt sind wir heute blau.

(Tusch, Lachen, Applaus, Stimmung.)


2 Antworten auf „Helau! Alaaf!! Stimmung!!!“


  1. 1 karl karneval 14. November 2009 um 20:47 Uhr

    Gerüchte besagen, diese Büttenrede wurde 1995 in Flörsheim am Main (Karnevalshochburg) gehalten: Der Redner musste nach dem Vortrag unter Polizeischutz rausgebracht werden und die Sitzung wurde vorzeitig beendet…

    Hessische Büttenrede
    (Narhalla-Marsch)

    Alaaf und Helau! – Seid ihr bereit?
    Willkommen zur Beklopptenzeit!
    Mer kenne des aus Akte X,
    doch Mulder rufe hilft da nix,
    des kommt durch Strahle aus dem All,
    und plötzlisch ist dann Karneval!
    (Tusch)
    Uff einen Schlach werd’n alle dämlisch,
    denn das befiehlt das Datum nämlisch!
    Es ist die Zeit der tollen Tage,
    so eine Art Idiotenplage,
    eine Verschwörung, blöd zu werden,
    die jährlich um sich greift auf Erden.
    Ei’ wahre Ausgeburt der Hölle,
    und Ausgangspunkt davon ist Kölle!
    (Tusch)
    Denn dort gibt’s nisch nur RTL,
    das Fernseh-Einheitsbrei-Kartell,
    sondern aach jede Menge Jecken,
    die sisch auf Nasen Pappe stecken,
    in Teufelssekten sich gruppieren
    danach zum Elferrat formieren
    und dann muss selbst das döfste Schwein
    dort auf Kommando fröhlisch sein.
    (Tusch)
    Auf einmal tun in allen Ländern
    die Leude sisch ganz schlimm verändern
    Sie geh’n sisch hemmungslos besaufe
    und fremde Mensche Freibier kaufe
    schmeiße sisch Bonbons an die Schädel,
    betatsche Jungens und aach Mädel
    und tun eim jede, den sie sehen,
    ganz fuschtbar uff de Eier gehen!
    Sie tun nur noch in Reime spreche
    und sind so witzisch, man könnt’ breche,
    bewege sisch in Polonäsen,
    als trügen sie Gehirnprothesen,
    man möschte ihnen – im Vertrauen
    - am liebsten in die Fresse hauen!
    (Tusch und Konfetti-Kanone)
    Doch was soll man dagege mache?
    Soll man vielleicht noch drüber lache?
    Es hilft kein Schreie und kein Schimpfe,
    man kann sisch nich mal gegen impfe,
    die Macht der Doofen ist zu staak,
    als dass man sisch zu wehr’n vermag!
    (kein Tusch)
    Am besten ist, man bleibt zu Haus
    und sperrt den Wahnsinn aanfach aus.
    Man schließt sich ein paar Tage ein
    und lässt die Blöden blöde sein!
    Der Trick ist, dass man sich verpisst
    bis widder Aschermittwoch ist!
    Und steht ein Zombie vor der Tür,
    mit so ‘nem Pappnasengeschwür,
    und sagt statt “Hallo” nur “Helau”,
    dann dreh sie um, die dumme Sau,
    und tritt ihr kräftisch in den Arsch
    und ruf dabei: „Narrhalla-Marsch!”

    (Tusch, Narhalla-Marsch mit schnellem Weglaufen…)

  2. 2 max moritz 16. November 2009 um 10:17 Uhr

    in kirchzell, landkreis miltenberg, heißt der faschingsverein „kärchzeller schluddebouhne“ und der faschingsruf tatsächlich „Schludde-Heil!“ vermutlich hält man dort adolf hitler für einen karnevalsjeck. ach ja: npd-bundesvorstandsmitgied klaus beier kommt aus kirchzell …

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