Angstmache gegen Moscheebau

Mittlerweile habe ich mit ein paar Leuten gesprochen, welche die CSU-Veranstaltung zum Moscheebau in Schweinheim besucht haben. Die meisten äußerten sich ziemlich enttäuscht über die gesammte Veranstaltung. Von der CSU wurde der Bauantrag entgegen der Ankündigung nicht vorgestellt, stattdessen übergab man das Wort an den (unvorbereiteten) Vorsitzenden des islamischen Arbeitervereins, Mohammed El Ouaamari. Der Leiter der Veranstaltung, der CSU Kreisvorsitzende Winfried Bausback, schaffte es übrigens keine einziges mal den Namen von El Ouaarmari richtig auszusprechen. So viel zum Thema Respekt. So ging es dann in der Diskussion auch nicht mehr um den konkreten Moscheebau, sondern es wurde wild gegen den Islam als solchen gewettert.
Der bayerische Integrationsbeauftragte Neumeyer wurde vom Publikum mehrfach ausgebuht und ausgepfiffen. Die ganze Veranstaltung war begleitet von respektlosem Verhalten gegenüber Äußerungen, die den Moscheebaugegnern nicht in den Kram passten. Dabei taten sich besonders die angereiste Gruppe von der „Bewegung Pax Europa“ um den Aschaffenburger Dr. Christof Zang, sowie der Kreisverband der NPD hervor. Erstere verteilten ein krudes Pamphlet, das vor blutigen Schauermärchen über Mohamed und den Islam, haltlosen Spekulationen und rassistischen Ressentiments nur so strotzt. Kleiner Auszug:

Wer finanziert diese Mosche? Das sind doch alles arme Leute. Der islamische Arbeiterverein hat nicht einmal 40 Mitglieder. Das Projekt ist überdimensioniert und vermutlich mit Petrodollars finanziert.

Das rassistische Ressentiment vom „armen“ Migranten ohne Geld, eine bewusste Falschinformation bezüglich der Mitgliederzahl (es sind etwa 40 Familien im Verein organisiert) und offenbare Unfähigkeit zum Kopfrechnen. Denn gehen wir mal davon aus, dass der Verein von etwa 150 Personen (mindestens) unterstützt wird und, nach eigenen Angaben, seit etwa 20 Jahren für den Bau der Moschee spart. 1 Million auf 20 Jahre verteilt macht 50.000 € pro Jahr, auf die Schultern von 150 Personen verteilt sind das 333,33 € im Jahr pro Unterstützer. Die Rechnung entspricht natürlich nicht dem realen Finanzierungsverhältnissen, aber sie zeigt, dass es auch locker ohne „Petrodollar“ gehen kann. Der 2. Vorsitzende der JU Aschaffenburg, Felix Scholtysik, berichtet auf einer Website der JU Unterfranken, dass er ebenfalls Mitglied bei Pax Europa ist.
Ein beliebtes Argument der Moscheegegner, welches wohl auch auf der Veranstaltung in Schweinheim zu hören war, stellt der Verweis auf die angeblich unterdrückten Christen in der Türkei dar. Was das mit dem marrokanisch-stämmigen Islamischen Arbeiterverein, welcher von vor 30 Jahren nach Deutschland gekommen Gastarbeitern gegründet wurde, zu tun hat, erschliesst sich mir allerdings nicht. Das Argument macht nur Sinn für Menschen, die ein Faible für Sippenhaft und Unfähigkeit zur Differenzierung haben, oder aber niemals über Kindergartenargumentation hinausgedacht haben. Es ist immer irgendwo anders auf der Welt schlimmer, aber muss man sich das dann zum Maßstab seines eigenen Handelns machen? Und wo führt das hin? Der Spiegelfechter meint dazu:

[…]Und als sei dies nicht bereits absurd genug, führen die Minarett-Gegner als Standardargument die Toleranzfähigkeit islamischer Staaten gegenüber den Christen ins Feld. “Dürfen Christen etwa in Saudi-Arabien eine Kirche bauen? Nein, also warum sollen Muslime hierzulande eine Moschee bauen dürfen?”. Eine Argumentation, die bereits im Kern derart intelligenzbefreit ist, dass man mit denjenigen, die sie vorbringen, eigentlich eher Mitleid haben müsste. Müssen Iraner in Deutschland etwa mit einer Steinigung rechnen, nur weil Deutsche in Iran auch gesteinigt werden könnten? Dürfen Sudanesinnen in Deutschland beschnitten werden? Dürfen Amerikaner in Deutschland gefoltert werden? Droht Chinesen hier die Todesstrafe?

Auge um Auge, Zahn um Zahn – ein hoch auf das alte Testament und das christliche Abendland.
Auch die NPD war bei der Veranstaltung vertreten, so dolle wie es auf deren Website beschrieben wird, war es dann aber wohl doch nicht. Sigrid Schüssler, Mitglied des bayerischen Landesvorstands der NPD, setzte durch „Blabla“-Störrufe geistige Glanzlichter. Als sich Nazis in der Halle ans verteilen von Flugblättern machten, wurden sie von engagiert Besuchern daran gehindert und des Saales verwiesen. Das erfolgte allerdings nicht auf geheiß der CSU, welche bei der Veranstaltung das Hausrecht inne hatte. Die CSU bot damit wohlwissentlich den Nazis eine Plattform. Schade, dass das Main Echo diese Vorfälle nicht erwähnt.
Die Junge Union kritisiert ihre eigene Mutterpartei heftig und schließt sich der Argumentation der NPD an. Das Minarett wird als Symbol eines Machtanspruchs angesehen, als Machtanspruch des (politischen) Islam und als „Landnahme“ im Sinne einer Eroberung. Ich setze das „politisch“ in Klammern, weil oftmals noch nichtmal zwischen Islam und politischem Islam differenziert wird. Und was dieser politische Islam genau sein soll bleibt ebenfalls unklar. Sind damit die totalitären islamistischen Diktaturen wie z.B. Saudi Arabien gemeint? Oder doch eher Terrororganisationen wie die Al Quaida oder die Taliban? Die vom türkischen Staat finanzierten Ditib-Moscheen? Kann man die alle, trotz gegenteiliger Interessen, überhaupt in einen Topf werfen und wo bleiben die gemäßigten Muslime dann? Diese Argumentationsweise ist von paranoidem Verschwörungsdenken, Fremdenhass und dem Unwillen zur Differenzierung geprägt. Der 2. Vorsitzende der Aschaffenburger JU, Felix Scholtyik, outet sich in einem Kommentar bei PI-News auch als jahrelanger, fleißiger Leser dieser rechtskonservativen und islamophoben Website. Seiner Meinung nach ist das Main Echo „eine linke Postille, welche am liebsten an jeder Straßenecke eine zweite Hagia Sofia hätte“.
Ernstzunehmende und notwendige Kritik an den anti-emanzipatorischen Elementen des Islam kann meiner Meinung nach nur im Rahmen einer generellen Religionskritik geäußert werden, denn diese Elemente finden sich in allen monotheistischen Religionen. Was ja auch historisch bedingt ist. Dass diese Kritik nicht von der CSU kommen kann, versteht sich von selbst. Wer sich darum nicht kümmert, sondern wie beim Bau der Schweinheimer Moschee mit Kanonen auf Spatzen schiesst, macht sich zum einen unglaubwürdig und betreibt zum anderen gefährlichen Populismus.
Nicht umsonst fühlen sich einige Menschen, mit denen ich diskutierte, gerade an die Asyl-Debatte zu Beginn der 1990er Jahre erinnert, welche in der faktischen Abschaffung des Rechts auf Asyl in Deutschland und brennenden Asylbewerberheimen in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen gipfelte. Soweit ist es noch nicht gekommen, aber der Anschlag mit Schweineblut auf den Bau einer Moschee in Elsenfeld zeigt schonmal, in welche Richtung sich das ganze entwickelt.
Viele Besucher gaben an, dass sie zuwenig über den Islam und den Moscheebau in Schweinheim wissen. Diese Unwissenheit mündet dann in Angst vor dem Unbekannten, und dafür müsse man Verständnis aufbringen, so der offizielle Tenor. Bundesweit schüren aber auch die Medien gezielt die Angst vor dem Islam, wie dieser kleine Artikel zeigt.
Diese Unwissenheit ist aber selbstverschuldet und kann nicht als Ausrede für Fremdenfeindlichkeit gelten. Der Islamische Arbeiterverein ist seit Jahren bei allen Integrations-Programmen der Stadt Aschaffenburg vertreten, beteiligt sich am Tag der offenen Moschee und betrachtet den Schritt vom versteckten Hinterhof hin zur öffentlichen Moschee als Beitrag zur Integration. Er wird noch nicht einmal vom Verfassungsschutz beobachtet (der VS ist hypersensibel, was Islamistische Tendenzen angeht und in diesem Fall wohl ein guter Indikator). Jeder kann sich mit dem Verein in Verbindung setzen und sich selbst informieren.
Schlussendlich kann man den Protest gegen den Moscheebau in Schweinheim momentan nur als latent fremdenfeindlich, rassistisch und offen gegenüber Rechtsextremismus bezeichnen. Eine berechtigte Kritik am Islamismus findet nicht statt, sondern wird verhindert und durch Xenophobie ersetzt. Oder wie mein Mitschreiber mb in einem Kommentar schon erwähnte:

[…]Sicher stimmt hier nicht alles an den Propagandaaussagen auf der NPD-Homepage. Genauso sicher hat sich die NPD allerdings wohl gefühlt. Sollte das zu denken geben? Ja.

Vielleicht ging ja auch einigen CSUlern am Montagabend ein Licht auf. Die Fraktion im Stadtrat scheint jedenfalls selbst äußerst uneins zu sein und hat noch keine offizielle Stellungnahme zum Moscheebau abgegeben. Ihnen sollte vor allem die Entwicklung der JU zu denken geben.

Weitere Infos:
Videobeitrag beim BR
Artikel im Main Echo
Über das Schweizer Referendum
Warum Miarette keine Herrschaftssymbole sind


7 Antworten auf „Angstmache gegen Moscheebau“


  1. 1 Felix Scholtysik 05. Dezember 2009 um 19:10 Uhr

    Guten Abend,

    als überzeugter Demokrat schwebt mir im Geiste vor allen Dingen der große Voltaire mit seinem leidenschaftlichen Plädoyer für unbedingte Meinungsfreiheit umher, daher sehe ich ihre inhaltliche Positionierung zu jedwedem Thema auch als normales Produkt einer pluralistischen Gesellschaft.

    Was mich jedoch stört, ist, dass Sie keinerlei Impressum oder Kontaktmöglichkeiten zu den Verfassern Ihrer Artikel angeben. Vor was haben Sie bitteschön Angst? Glauben Sie, so könnten Sie besser auf verfassungsrechtlich dünnem Boden linksextreme Gewalt goutieren oder Bürger beleidigen? Schreiben Sie über meine Meinung gerne so viel Sie wollen, gerne auch im direkten Austausch mit mir (leben wir also Demokratie!), denn der kontroverse Diskurs ist das Blut einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Was mir aber zutiefst missfällt, sind persönliche Beleidigungen und plumpe Unterstellungen, auch gegen meine Person („rassistisches Weltbild“). Lassen Sie sich auf einen Kampf der Argumente ein oder zeigen Sie mir doch bitte explizit, wo ich eine Rasse beschimpft habe bzw. mich undemokratisch im Konzert der Meinungen hervortat!

    Freundliche Grüße sowie einen besinnlichen zweiten Advent

    Felix Scholtysik

  2. 2 hn 06. Dezember 2009 um 23:42 Uhr

    Ist natürlich ein wenig entlarvend, dass der Artikel die Phrase „rassistisches Weltbild“ gar nicht enthält, Herr Felix.

  3. 3 Rosa Tucho 07. Dezember 2009 um 22:16 Uhr

    Inhaltlich muss ja zu Felix Scholtysik nichts gesagt werden. Daher hier nur einiges zu seinem Versuch, einige von uns aus der Anonymität zu locken: Schöner Versuch. Aber so wenig wie ihnen durch ihre in Bayern mehrheitsfähigen und erfolgsbelohnten Meinungsäußerungen etwas passiert, Herr Scholtysik (sondern ganz im Gegenteil diese angepasste Meinung Ihnen jede Menge Vorteile bringen mag), genauso kann das Haben einer eigenen und abweichenden Meinung für unsereins schwer nach hinten los gehen. Ich zum Beispiel habe Kinder, die mal einen Ausbildungsplatz brauchen. Irgendwo bei oder in Aschaffenburg. Da ist es nicht ratsam, eine unbotmäßige Meinung zu haben. Und Leute wie mb oder Paul schreiben gerne etwas gegen Nazis und andere Undemokraten. Die argumentieren aber sehr ungern, da sie das auch nicht wirklich gut können. Die schlagen lieber zu. Ganz gerne auf Leute wie Paul, mb oder mich. Und darauf haben wir keinen Bock. Weder mb noch Paul noch ich. Und daher bleibt es hier bei Pseudonymen, die auch von Kurt Tuscholsky, Rosa Luxemburg und vielen, vielen anderen genutzt wurden. Aus verschiedenen und immer guten Gründen. Das Pseudonym ist das Recht des Schwachen, zudem Bedingung für unser Recht, auch eine Meinung zu haben, also eine nötige Waffe in der Demokratie.

  4. 4 fdfdfdsfdsfdsafdas 09. Dezember 2009 um 17:02 Uhr

    @ rosa tucho

    wer auch immer du bist: wahre worte

  5. 5 Steffen 17. Dezember 2009 um 17:17 Uhr

    Zitat:“ …..Schlussendlich kann man den Protest gegen den Moscheebau in Schweinheim momentan nur als latent fremdenfeindlich, rassistisch und offen gegenüber Rechtsextremismus bezeichnen…..!“

    Ich bin immer ein wenig Vorsichtig wenn dieser – in Rethorikkursen werden solche Formulierungen gerne als Killerphrasen bezeichnet – Satz fällt.
    Ich war bei der Veranstaltung nicht zugegen kann also dazu nur das kommentieren was ich hier las.
    Aber an dem o. g. Satz bzw. im allgemeinem Diskurs zu dem Thema missfällt mir das Ängste oder Vorbehalte gegenüber dem Islam oder wie in diesem Fall zu Moscheebauten sofort Rassistisch oder Fremdenfeindlich sein sollten.
    Dies impliziert doch das alle Muslime Ausländer bzw. anderer Rasse sind (wenn es überhaupt versch. Menschanrassen gibt).
    Das ist indifferenziert, pauschalierend und wird den Fakten nicht gerecht.
    Ich beobachte dies als Aussenstehender immer wieder und für mich sind linke und rechte Überzeugungstäter allesammt Faschisten die zu keiner sachlichen Diskussion bereit oder fähig sind.

  6. 6 Entlarverin 14. Januar 2010 um 12:07 Uhr

    „zeigen Sie mir doch bitte explizit, wo ich eine Rasse beschimpft habe“ -> schon allein dieser Satz ist rassistisch, weil sich von der Rassenlehre nicht distanziert, sondern nachfragt, welche denn die „eine Rasse“ sei, die beschimpft wurde. Folglich scheint Felix Scholtysik wohl Anhänger der Rassenlehre zu sein, die ein Teil der Nazi-Ideologie ist. Eine Person, die nicht Anhänger der Rassenlehre ist, hätte anders nachgefragt.

  1. 1 Schade: Mina Ahadi kommt doch nicht nach Aschaffenburg « subradical Pingback am 14. Januar 2010 um 10:02 Uhr
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