Party für ein Jugendhaus in Miltenberg

Eine spontane Aktion erlebte Miltenberg am Freitag, 8. Januar ab 18 Uhr. Vom Bahnhof aus zogen ca. 25 junge Leute mit einem Transparent vor das Rathaus. Dort wartete bereits die Presse, die zwischenzeitlich auf die Demo aufmerksam geworden war. Die jungen Leute aus der Jugendinitiative für ein unabhängiges Zentrum (JuZ) hatten vor Wochen bereits gegenüber der Stadt Miltenberg eine Frist gesetzt, bis wann sie merkbare Schritte hin zu einem Jugendhaus feststellen wollten. Da aber nichts Diesbezügliches zu bemerken war, entschloss man sich spontan, mit dieser Aktion die Aktivitäten für ein unabhängiges Zentrum wieder aufzunehmen.
Vor dem Rathaus bauten sich die jungen Leute ein Jugendhaus aus Pappe, stellten eine tragbare Anlage mit Autobatterie auf und brachten Getränke in einem Einkaufswagen mit, um eine Jugendhausparty mangels echtem Jugendtreff am Papphaus zu veranstalten.
Dies schien auch die Polizei zu interessieren, die ca. zehn Minuten nach Eintreffen der JuZ erschien. Ein Polizeibeamter schickte den Pressevertreter weg, da dieser keinen Presseausweis vorweisen konnte; eine rechtlich fragwürdige und in Miltenberg völlig unübliche Vorgehensweise, muss hier doch niemals ein Medienvertreter einen Ausweis vorlegen!
Die Polizei ließ die JuZ zuerst gewähren. Ein Beamter zeichnete sich aber durch besonderen Realitätssinn aus: Er empfahl den jungen Leuten allen Ernstes, sie sollten ihr Geld zusammenlegen und sich einen Treff selbst schaffen, vielleicht mit zwei Bauwägen. Zur Finanzierung dieses Projektes, sollten sie auf Zigaretten und Alkohol verzichten!
Die JuZ verwies darauf, dass die Stadt Miltenberg verpflichtet ist, offene Jugendarbeit anzubieten. Diese Feststellung ist völlig richtig. Zudem würde niemand einer „Bauwagensiedlung“ einen Stellplatz geben (von den rechtlichen, hygienischen und anderen Schwierigkeiten mal abgesehen); die Aussage des Beamten kann nur als boshaft oder bestenfalls lächerlich bezeichnet werden.
Zum Aufwärmen hielten sich die jungen Leute später kurz im Automatenraum einer Bank auf. Einige von ihnen schossen danach einige Feuerwerkskörper in die Luft ab, was seltsamerweise die Polizeibeamten veranlasste, den Platz vor dem Rathaus (Engelplatz) zu verlassen.
Die Demonstration zog daraufhin Richtung Bahnhof, wo die Beamten eine Person herausgreifen wollte, was misslang. Gegen 22 Uhr wurde die Demo-Party beendet.

Bild: Transparent der JuZ bei der Aktion am 8. Januar
Foto: Handyfoto Max Meixner für kommunal-Bildarchiv
Über die immerhin vierstündige Aktion gibt es weitere Bilder bei Flickr.

mb & Max Meixner


2 Antworten auf „Party für ein Jugendhaus in Miltenberg“


  1. 1 mb 12. Januar 2010 um 10:30 Uhr

    Fünfwundenbrüder und Jugendarbeit

    Die Fünf-Wunden-Bruderschaft in Miltenberg ist eine katholische Männervereinigung mit einer Tradition bis zurück ins 17. Jahrhundert. Aus ihrem jüngsten Treffen berichtete der Bote vom Untermain am 09.01.10 Interessantes: „Da der Versammlungsleiter immer der Bürgermeister der Stadt ist, gab Joachim Bieber einen kommunalpolitischen Bericht … Er bekräftigte seine ablehnende Haltung gegen einen autonomen Jugendtreff in der Stadt. Markus Kron betonte in der anschließenden Diskussion, dass die bisherigen Räume in der Alten Volksschule eigentlich kein Jugendtreff gewesen seien. Eine sinnvolle Jugendarbeit sei in den Vereinen möglich, nicht in einem offenen Jugendtreff.“
    Der Jugendtreff war gar kein Jugendtreff, Jugendarbeit ist nur in Vereinen möglich. Das ist dreist!
    Der Altersdurchschnitt der Bruderschaft dürfte bei gut 60 Jahren liegen. Daher ist zu vermuten, dass so gut wie alle Mitglieder die Diskussion vor gut 30 Jahren mitbekommen haben. Da das Erinnerungsvermögen zwar nicht bei allen ältern Menschen, aber wohl bei älteren Fünfwundenbrüdern stark nachlässt, hier noch mal Auszüge aus der Diskussion von vor 30 Jahren:
    1. Vereine erreichen bestimmte Jugendliche nicht, daher sind sie für diese auch keine Alternative.
    2. Wer im Verein ist, beschäftigt sich mit den Vereinsaktivitäten an einem oder zwei, selten an drei Tagen, niemals aber die ganze Woche.
    3. Auch junge Leute aus Vereinen gehen daher in Jugendzentren; auch, weil sie nicht nur Vereinsinteressen haben, sondern einfach mal abhängen, reden oder sonst was tun wollen, für das der Verein nicht zuständig ist.

    Tags darauf (11.01.10) berichtete auch der Bote – wie zuvor schon subradical – über die Aktion für ein Jugendzentrum in Miltenberg. Darin heißt es: „Die Polizei behinderte die Berichterstattung über die Protestaktion jedoch mit einem Platzverweis gegen unseren Reporter. Als der freie Mitarbeiter auf die Frage eines Polizeibeamten, was denn das für eine Veranstaltung sei, antwortete, dass er nicht Veranstalter, sondern Berichterstatter sei und auf die Jugendlichen verwies, verlangte der Beamte die Vorlage eines Presseausweises. Das ist unüblich. Die freien Mitarbeiter unserer Zeitung verfügen mehrheitlich nicht über Presseausweise, da diese zumeist an eine Gewerkschaftsmitgliedschaft oder eine Festanstellung geknüpft sind.
    Der Beamte verwies darauf den Reporter des Platzes. `Im Rahmen des Polizeiaufgabengesetzes habe ich den Herrn des Platz verwiesen, um ihn vor einer Gefahr zu schützen´, sagte der Beamte gestern auf Nachfrage unserer Zeitung. Schon in der Vergangenheit sei es bei Aktionen der Jugendlichen zu Straftaten gekommen. Allerdings hatten Jugendliche bei einer Aktion im Frühjahr ausschließlich Eier aufs Rathaus geworfen, nicht aber Menschen angegriffen oder verletzt.
    Der betroffene Beamte sagte gestern, er kenne unseren Reporter nicht und habe sich nicht sicher sein können, dass er tatsächlich für die Presse arbeite. Das wiederum bestreitet unser Mitarbeiter: Man sei sich von der Berichterstattung vom Amtsgericht her bekannt.“
    Eine solche Argumentation der Polizei ist ebenfalls einfach dreist: Keine Berichterstattung, da die Jugendlichen ein Risiko für den Berichterstatter seien!
    Weiter die Zeitung: „Für Frust bei den Jugendlichen sorgt derweil der Stillstand beim Jugendtreff: Nachdem die Stadt den Treff in der Alten Volksschule im November 2008 geschlossen hatte, stellte sie zwar im Haushalt das Geld für einen Jugendpfleger ein. Ausgegeben hat sie es aber bisher nicht, denn einen Sozialpädagogen will sie erst dann einstellen, wenn die passenden Räumlichkeiten zur Verfügung stehen. Diese, so das bisherige Ergebnis der Suche, stünden derzeit nicht zur Verfügung. Einen Bauwagen als vorübergehende Lösung, wie ihn die Jugendlichen fordern, lehnt die Stadt ab.
    Für weiteren Zwist sorgt der Wunsch der Jugendlichen, den Jugendtreff, wenn er denn eingerichtet wird, in Eigenregie zu führen. In der Generalversammlung der Fünf-Wunden-Bruderschaft am Dreikönigstag in der Brauerei Keller hatte Bürgermeister Joachim Bieber seine Einstellung wiederholt: Der Stadtrat und der Bürgermeister seien geschlossen gegen ein autonomes Jugendzentrum. Außerdem könne es nicht sein, dass die Stadt für Jugendliche aus dem ganzen Landkreis Räumlichkeiten bereithalte und finanziere. Bieber wies auf Schäden hin, die `immer wieder mutwillig verursacht´ würden. Optimistischer blickt derweil der Jugendbeauftragte des Stadtrats, Hubertus Bundschuh, in die Zukunft: Auf dem Neujahrsempfang der Stadt Miltenberg am Sonntag schnitt er eine selbst gebackene Torte an mit der Aufschrift: `Unser Ziel für 2010: Miltenberger Jugendtreffpunkt´.“
    Dazu sei an dieser Stelle nichts mehr gesagt.

    Die Polizeiaktion gegen den Zeitungsmitarbeiter hatte ein Nachspiel, wie dem Boten vom 12.01.10 zu entnehmen ist: „Grundlos und rechtlich nicht haltbar war der Platzverweis, den ein Beamter der Polizeiinspektion Miltenberg am Freitag gegen einen Mitarbeiter unserer Zeitung ausgesprochen hat. In einem klärenden Gespräch nannte gestern der Leiter der Polizeiinspektion, Bernhard Wenzel, die Begründung des Beamten `nicht nachvollziehbar´.
    … `Protestaktionen und Demonstrationen sind ein Grundrecht´, stellte Wenzel klar: `Die Polizei hat auch die Aufgabe, die Ausübung dieses Grundrechts zu ermöglichen. Ebenso die öffentliche Berichterstattung darüber.´ Ein solcher Vorfall dürfe und werde sich daher nicht wiederholen.“ Das wollen wir hoffen …

  1. 1 Aktion für Zentrum / Angriff auf die Pressefreiheit durch Polizei « Autonome Gruppe Miltenberg Pingback am 13. Januar 2010 um 13:28 Uhr
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