Ein Kruzifix und Männer in Frauenkleidern

Nicht weniger als den Einsatz des Paragraf 166 StGB („Beschimpfung des religiösen Bekenntnisses“) fordert Aschaffenburgs CSU-Bundestagsabgeordneter Norbert Geis. Was ist geschehen? Lassen wir ihn selbst berichten (zitiert nach kath.net): „Das Titelbild der Aprilausgabe des Satiremagazins `Titanic´ nimmt die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche zum Anlass, einen katholischen Bischof zu zeigen, der seinen Kopf dem Geschlechtsbereich des gekreuzigten Heilands zuneigt. … Zumindest mit diesem Hinweis auf den Missbrauchsskandal ist die Abbildung der Haltung des Bischofs eindeutig. Nur ein sehr einfältiges Gemüt kann dies anders deuten.“


Titanic vom April (Titelbild) und Mai 2010 (Reaktionen); Foto: Archiv kommunal


Da möchte ich ihm doch zurufen: „Lieber Norbert Geis, ich bin römischer Katholik wie Sie. Mag sein, dass ich ein `einfältiges Gemüt´ habe; aber: Der Würdenträger kniet erstmal nur vor dem Kruzifix. Vielleicht reinigt er es auch. Oder er betet. Letzteres wäre die absolut naheliegende Interpretation, denn was sonst sollte ein Geistlicher vor dem Abbild des Menschensohnes tun? Jedem aufrechten Christen muss zuallererst diese Deutung des Bildes in den Sinn kommen! Ihnen nicht?
Nun gut, die blutende Seitenwunde hat mich dann auch stutzig gemacht. Da leidet Jesus ganz fürchterlich, dachte ich mir. Über was? – Da aber fielen auch mir die täglich mehr werdenden Skandale innerhalb unserer Mutter Kirche ein. Also: Ein Geistlicher bittet den ob der Fehlbarkeit der Kirche leidenden Gottessohn um Vergebung für die Fehler eben jener Kirche. So können wir es also jetzt interpretieren, das Titelbild der Titanic.
Sie tun das aber offenbar nicht, Sie sehen darin einen Akt von Fellatio. Schämen Sie sich da jetzt nicht wenigstens ein kleinwenig, sehen Sie da nicht Ihren Ruf als Saubermann der CSU in Gefahr?“ Soweit das, was unsereins mal dem Herrn Bundestagsabgeordneten sagen wollte.
Interessant auch, dass der am ersten Weihnachtstag 1940 geborene und schon damit für christliche Belange höchst sensible CSU-Stadtrat Dr. Bernd Pattloch aus Aschaffenburg Norbert Geis in einem Leserbrief an die katholische Tagespost beispringen musste und ebenfalls den harten Hammer des Strafgesetzes angewandt wissen wollte: „Was wird nun aus Paragraph 166 StGB?“
Das wissen wir nicht; wir hoffen aber, dass das Strafgesetz in aller Härte gegen Missbraucher inner- und außerhalb der Kirche angewandt wird. Denn der massenhafte gewaltförmige und sexualisierte Missbrauch – und nicht ein Titanic-Titelbild – ist der wirkliche Skandal. Und: Nach allem, was unsereins von dem Nazarener weiß, der vor rund 2000 Jahren in Palästina predigte, stört diesen Jesus das bewusst interpretierbar gehaltenen Titanic-Titelbild ebenfalls nicht; eher die sexualisierte Interpretation durch Menschen, die vorgeben, sich auf ihn zu berufen. Und noch etwas: Dieser Jesus ist dann doch erheblich sympathischer als die sich auf ihn berufenden kirchlichen Funktionsträger, oftmals Männer, die in bodenlangen Frauenkleidern herumlaufen, was zu einer ganz anderen Interpretation Anlass geben könnte. Aber unsereins hat da weit weniger Phantasie als die Herren Geis und Pattloch.

Manfred M. Krug

Wer mehr über Norbet Geis wissen möchte, informiere sich in älteren subradical-Beirägen: HIER und HIER





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