“Und was ist mit dem Kapitalismus? Leider ist auch diese Idee gescheitert.“
Ole von Beust (CDU), Oberbürgermeister von Hamburg, zitiert nach Main-Echo, 13.02.09
Selten zuvor in den letzten Jahrzehnten war das Thema Arbeit und Arbeitslosigkeit so stark in der öffentlichen und veröffentlichen Meinung präsent wie 2008 und 2009. Auch am bayerischen Untermain.
Hier erlebten nicht nur die Beschäftigen von Mahle in Alzenau, dass es auch „Kurzarbeit Null“ gibt – und zwar für alle 420 Kolleginnen und Kollegen; hier mussten auch Arbeiter und Angestellte aus anderen Betrieben in den zweifelhaften Genuss kommen, jetzt ganz viel Zeit zu haben – aber zu wenig Geld, um diese auch wirklich nutzen zu können. Und: Die Schonfrist bei Mahle geht nur bis Ende 2011, dann wird neu entschieden – wenn bis dahin nicht sowieso ganz andere Fakten geschaffen werden, von wem auch immer. (mehr…)
Für 21 Euro – Kunden zahlen nur 12 Euro – erhalten die Zuhörenden heute um 18.30 Uhr nicht nur ein Glas Sekt, sondern auch einen Vortrag und Salonmusik. Wie das? Nun, die Raiffeisen-Volksbank Miltenberg lädt anlässlich des 80. Jahrestages der Weltwirtschaftskrise von 1929 in die gute Stube der Kreisstadt – das Alte Rathaus – ein. Es spielt das Salonorchester DamenRausch jene Musik, die „das Lebensgefühl der Zeit vor dem Schwarzen Freitag“ widerspiegeln soll. Und: Ein Herr Klaus Holschuh spricht über „Gemeinsamkeiten und Unterschiede zur Finanzkrise heute“ (Zitate: Einladungsflyer). Dieser Herr ist nicht weniger als der Chefvolkswirt der DZ-Bank, Frankfurt. Ein Bänker erklärt uns die Wirtschaftskrise! Was wird der Raiffeisen-Volksbank Miltenberg noch einfallen? Ein Heroin-Dealer spricht über „Wie gefährlich sind Opiate?“ Oder die Werbeabteilung von Philip Morris klärt – ganz objektiv natürlich – über die Gefahren des Rauchens auf. (mehr…)
Nur etwa 300 der rund 1700 in Aschaffenburg Beschäftigten der Takata-Petri AG blockierten am Montag Morgen die Zufahrt zum Werk in Schweinheim mit zwei Feuertonnen. Der Streik zog sich bis zum Abend hin, nach Angaben der Takata-Soli kam es zu Lieferverzögerungen bei BMW in Leipzig und Regensburg, bei Audi in Ingolstadt, bei Daimler in Sindelfingen und Bremen, bei VW in Wolfsburg und Pamplona und bei Daimler in Düsseldorf. Die Werksleitung alarmierte die Polizei, welche dann auch durchblicken lies, dass die netten Beamten von der Streife im Falle eines unkooperativen Verhaltens der Protestierenden auch durch eine nicht mehr ganz so nette Hundertschaft der Bereitschaftspolizei ersetzt werden könnten. Daraufhin wurde die Feuerwehrzufahrt für die wartenden LKWs frei gemacht. (mehr…)
Am 16. September gibt es mal wieder eine sogenannte „Zeitarbeitsbörse“ in der Aschaffenburger Unterfrankenhalle:
Kaum eine Branche konnte in den vergangenen Jahren so zulegen wie die Zeitarbeit. „Zeitarbeit lässt die Firmen atmen“, erklärt Sebastian Peine, Chef der Agentur für Arbeit Aschaffenburg.
Main Echo, 12.09.2009
Die Firmen können atmen, die Agentur für Arbeit atmet auf und freut sich über bereinigte Statistiken. Wenig Luft zum atmen bleibt den prekär Beschäftigten, denn die Bedingungen in der Leiharbeit sehen etwa so aus:
* LeiharbeiterInnen verdienen im Schnitt 30 bis 50 Prozent weniger als ihre KollegInnen bei der Entleihfirma!
* LeiharbeiterInnen werden oft nur für den Zeitraum eingestellt, für den sie an eine fremde Firma verliehen werden können und anschließend entlassen, wenn nicht sofort ein neuer Entleiher gefunden wird.
* Viele Beschäftigte werden um Lohn und Urlaub betrogen, indem ihnen die Zeit, in der sie nicht vermietet werden können, abgezogen wird.
* LeiharbeiterInnen haben im Entleihbetrieb noch weniger zu melden, als ihre fest angestellten KollegInnen. Sie sind Beschäftigte 2. Klasse.
* LeiharbeiterInnen werden gleich doppelt abgezockt: von Leihbude und der Entleihfirma
Mehr Infos dazu gibt es auf www.leiharbeit-abschaffen.de
Die Jungle World beschäftigt sich anlässlich der Buntestagswahlen mit der „Wahlkampfdrohung Vollbeschäftigung“. Arbeit macht im herrschenden Diskurs halt immer noch Frei.
»Ich kann mir vorstellen, dass in zwei bis drei Monaten die Wut der Menschen deutlich wachsen könnte«, Gesine Schwan
Oder doch nur gewöhnlicher Arbeitskampf? Bei den Mitarbeitern von Mahle in Alzenau und jetzt auch bei den H&M Beschäftigten in Großostheim steigt die Streiklust.
Bei letzterem ist noch keine weiterführende Perspektive ausser der nächsten Lohnerhöhung zu erkennen, bei den Kollegen von Mahle in Alzenau lohnt es sich genauer hinzuschaun. So wurde in der Nacht zum 14. Mai ein spontaner Streik durchgeführt, was die Geschäftsleitung zu Kündigungsdrohungen veranlasste. Offenbar inspiriert von einem Besuch der französischen Kollegen in Stuttgart*, ist internationale Solidarität auch in Deutschland ein ganz heißes Thema in diesem Arbeitskampf. Mahle-Beschäftigte in Rosario, Argentinien besetzten ihr Werk um gegen eine Verlagerung nach Brasilien zu protestieren, 300 Mitarbeiter der Alzenauer Niederlassung reisten am 13. Mai nach Colmar/Frankreich um gemeinsam mit den dortigen Kollegen zu demonstrieren. Bei diesen Aktionen wurde immer wieder darauf hingewiesen wie wichtig es ist, dass sich die Standorte „nicht gegeneinander ausspielen“ lassen. Es ist wichtig, sich nicht auf die nationalistische Standortkonkurrenzspiele der Herrschenden einzulassen, denn diese führen zur Entsolidarisierung und Schwächung der Proteste – dem globalen Kapitalismus kann nur mit einer globalen Protestbewegung entgegengetreten werden. Zum Thema „Nationalistisches Fahrwasser“ gibt es eine lesenswerte Stellungnahme des Mahle-Betriebsrat Matthias Fritz.
Dieses „Fahrwasser“ versuchten sich auch schon Neonazis der Aschaffenburger NPD zu nutze zu machen, welche am 31. März bei einer Demonstration in Alzenau nationalistische Propaganda verteilen wollten.
Auch wenn es aus historischer Perspektive totaler Zynismus ist, sich als Neonazi irgendwie in die Gewerkschaftsproteste einklinken zu wollen, bieten sich doch immer wieder attraktive Anknüpfungspunkte. Sei es, dass der Gewerkschaftsfunktionär Remo Schardt die unsäglichen „Heuschrecken“ und die damit einhergehende verkürzte Kapitalismuskritik bemüht, sei es, dass die „Sozialpartnerschaft“ zwischen Gewerkschaften und Staat immer wieder als „Volksgemeinschaft light“ in Erscheinung tritt oder die hohe Akzeptanz rechter Standtpunkte in der Gewerkschaftsbasis und den Betrieben.
Die schlafende Linke schafft es momentan auch im Mahle-Arbeitskampf nur schwerlich, Impulse für die Herausbildung einer emanzipativen, antikapitalistischen Perspektive zu geben.
*Deren Versuch, mit Feuerwerk ein bisschen soziale Unruhe in den Trillerpfeifenprotest zu bringen, dann aber doch eher für Entsetzen unter deutschen Protestlern sorgte. Es lebe der Untertan …
Viele Beiträge zum Mahle-Protest gibt es auf kommunal.blogsport.de