Überall geht der Sozialstaat in die Knie und es wird die Mär vom „es ist leider kein Geld da“ verbreitet. Kein Geld? Wer sich nun an die Milliarden zur Stützung der Banken erinnert, ist immerhin ein mitdenkendes Wesen. Milliarden für marode Banken, die aus eigener Schuld bzw. den von ihnen verteidigten kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten in die Kacke geraten sind, wo jede pleite gegangene Bank für einen Appel und ein Ei vom Staat hätte aufgekauft, vergesellschaftet und damit weitgehend ungefährlich hätte gemacht werden können. „Kein Geld da“ ist also ein Witz schlechthin; es ist noch immer Geld da, nur nicht für soziale Projekte.
Mit einer Ausnahme: Ehrenamtsprojekte werden gefördert was das Zeug hält. Im Internet gibt es eigene Ehrenamtsportale für Aschaffenburg und für den Kreis Miltenberg. Mit dem Projekt WABE gibt es in Aschaffenburg zudem eine Einrichtung, die scheinbar vor allem propagandistisch tätig wird, um den Gedanken des Ehrenamtes als unabwendbarer Teil des Sozialsystems zu verfestigen. In Erlenbach/Main gibt es das Main-Ehrenamt, das dieser Tage einen evangelischen Pfarrer antreten lässt, der der Ehrenamtsidee die höhere religiöse Weihe geben soll. Dann gibt es am bayerischen Untermain noch das Ehrenamtsprojekt „Drehscheibe der Generationen“ oder das Projekt Sozialpate, das der ARGE für Arbeitslosengeld-II-Bezieher im Kreis Miltenberg die Arbeit erleichtern soll, indem Ehrenamtliche die Arbeitslosen betreuen und damit das tun, was eigentlich Aufgabe der Behörde wäre: Auskünfte geben, beim Ausfüllen der Anträge helfen etc. Sogar in leicht übersehbaren winzigen Gemeinden wie Laudenbach/Main entstehen Ehrenamtsprojekte; dort heißt es „Wir für uns“.
Ehrenamtlich kann man überall einsetzen: Bei Tafelläden wie dem Grenzenlos in Aschaffenburg und den Martinsläden in Miltenberg und Erlenbach; oder bei Krankenhaus- oder Altenheimbesuchsdiensten, wo Ehrenamtliche Patienten füttern können, damit man noch mehr Pflegepersonal einsparen kann. Ganz konkret werden z.B. in Aschaffenburg derzeit Demenzbegleiter ausgebildet, die offensichtlich kostenfrei dort eingesetzt werden sollen, wo das Sozialsystem längst keine Lust mehr hat, genug für demente Nichtmehrproduzenten aufzuwenden.
Die Wohlfahrtsverbände haben aber schon eine neue Kuh, die sie durchs Dorf treiben: den Ehrenamtsnachweis. Wer kostenlos arbeitet, der soll wenigstens eine Bescheinigung darüber erhalten, mit der er einen Vorteil bei Bewerbungen um Studien-, Ausbildungs- oder Arbeitsplätze haben soll. Sollte dies tatsächlich der Fall sein, so werden alle, die sich einmal irgendwo bewerben wollen, ehrenamtliche Tätigkeit ausführen oder zumindest glaubhaft vortäuschen müssen, damit sie wieder die gleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.
Und hier wird auch ersichtlich, dass die ganze Ehrenamtlichkeit in die Richtung des stummen Zwangs gehen soll: Es sei ja schließlich ganz selbstverständlich, dass Mitglieder einer Gesellschaft sich auch für diese Gesellschaft engagieren. Soweit dies wirklich freiwillig geschieht und keine professionelle Hilfe verdrängt, wo diese sinnvoll ist, kann dagegen wenig gesagt werden. Die Richtung ist aber eine andere: Freiwillige sollen hauptamtliches (bezahltes) Personal ersetzen, die Versorgung also entprofessionalisieren und massiv verbilligen. Die Arbeitslosenquote wird dabei ansteigen, da z.B. Pflegehelferinnen dann weniger benötigt werden. Aber gerade das dient ja auch wieder der Ehrenamtlichkeit: Wer z.B. als Helferin aus dem Arbeitsprozess herausfällt, kann dann ja Hartz IV bekommen und entweder als Ein-Euro-Zwangsarbeiter oder gar als völlig unbezahlter Ehrenamtlicher genau die Stelle ausfüllen helfen, aus der sie entlassen wurde!
Parallel dazu wird den Senioren eingeredet, sie müssten gefälligst ihren Ruhestand zu einem Unruhestand machen und weiterhin fleißig – natürlich ehrenamtlich – mitarbeiten. Dass im Alter ganz andere Sachen angesagt sein könnten und endlich die Konzentrierung auf das, was einem wirklich gefehlt hat, stattfinden sollte, das wird immer wenigeren klar. Auch müssen wir vermuten, dass die Seniorinnen und Senioren selbst sich offensichtlich immer weniger vorstellen können, dass der Mensch auch etwas wert ist, wenn er nicht mehr produktiv tätig ist!
Nun könnte Ehrenamtlichkeit auch demokratisches und sogar widerständiges Potential in sich tragen, wenn damit eine emanzipatorische Entstaatlichung verbunden wäre, im Sinne von: soziale Prozesse werden direkt in die Hände der Menschen gelegt, ohne Reglementierung. Und es sei an dieser Stelle auch noch angemerkt, dass nicht jede unentgeltliche Tätigkeit unter diesen Ehrenamtsbegriff fällt. Wenn ein alternativer Kulturverein – nennen wir ihn AbaKuZ –ohne bezahltes Personal arbeitet, so ist das Selbstorganisation, do it yourself. Ebenso bei einem Freizeitfußballverein oder einer nicht kommerziellen Rockband. Ganz besonders auch bei einer Jugendinitiative, die für ein selbstverwaltetes Jugendhaus kämpft. Überall dort wird selbst bestimmt und nicht in vorgegebene Strukturen gegangen, wo dann professionelles Personal verdrängt wird. Auch wer einfach mal der Nachbarin hilft, weil die krank oder gebrechlich ist, kann nicht unter diesen Ehrenamtsbegriff gefasst werden. Sowas ist einfach selbstverständlich, braucht auch keine Organisation. Und wenn sich Freunde um einen der Ihren kümmern, der erkrankt ist, der grade Hilfe oder Unterstützung benötigt – auch dann hat das nichts mit dem jetzt so aggressiv propagierten Ehrenamt zu tun.
Politisch gewolltes und im Grundsatz immer abzulehnendes Ehrenamt ist da gegeben, wo Organisationsstrukturen geschaffen werden, um den Einsatz möglichst großer Mengen an Ehrenamtliche zu gestalten, die in bereits bestehenden Einrichtungen arbeiten und damit Personal erst entlasten und dann ersetzen sollen. Oder die verhindern sollen, dass weiteres professionelles Personal eingesetzt wird. So ein Ehrenamt ist weder in irgendeiner Weise widerständig noch selbstorganisiert. Nicht einmal demokratisch ist es, da die Helfer/innen keinen wirklichen Einfluss auf Organisation und Gelderverwendung in den Einrichtungen haben, in denen sie eingesetzt werden. Und wer es als Ehre empfindet, zum Abbau sozialer Hilfe beizutragen, der muss schon sehr auf diese Ehre angewiesen sein, um sein deformiertes Ego aufzumöbeln.
Der bayerische Untermain ist gesegnet. Gesegnet mit einer Flut von Ehrenamtsprojekten, die ihr volles Potential noch lange nicht erreicht haben, eine wahre Ehrenamtpest, die da auf uns zurollt.
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Anmerkung: Links zu Ehrenamtsprojekten unterbleiben, da für diese hier nicht geworben werden soll. Wer diese dennoch sucht, findet sie in der Suchmaschine seiner Wahl.